Tomasz Kurianowicz

Der Journalist Tomasz Kurianowicz, 2020
Der Journalist Tomasz Kurianowicz, 2020

Geboren wurden Tomasz Kurianowicz und seine Zwillingsschwester Katerina 1983 in Bremerhaven, ihre Eltern stammen jedoch aus Olsztyn (zu Deutsch „Allenstein“), der Hauptstadt der Masuren. In den späten 1970ern und frühen 1980ern war Polen im Vergleich zu heute ein armes Land. Die sozialistische Wirtschaft funktionierte bei Weitem nicht so segensreich, wie die Regierung immer wieder beteuerte. Der künftige Vater von Tomasz Kurianowicz studierte in Danzig Bratsche. In einem internationalen Orchestermagazin studierte er Stellenanzeigen: Italien, Frankreich, Deutschland – all diese Länder erschienen reicher an Perspektiven als die polnische Heimat. Und so bewarb sich Janusz Kurianowicz und erhielt eine Zusage aus Bremerhaven, damals eine prosperierende Stadt mit glänzenden Aussichten. Eine Orchesterstelle dort, abgesichert als städtischer Angestellter – das erschien Janusz Kurianowicz verlockend genug, um 1981 seiner Heimat den Rücken zu kehren. Allerdings war eine solche Ausreise mit Schwierigkeiten verbunden. Zum einen musste Janusz Kurianowicz ein weißes Blatt Papier blanko unterschreiben, um einen Ausreisepass zu erhalten. Darauf konnten die Behörden später jeden beliebigen Text schreiben und bei Bedarf gegen den Auswanderer verwenden. Zum anderen verpflichtete sich Janusz Kurianowicz dazu, etwa ein Viertel seines künftigen Bruttogehalts an den polnischen Staat zu überweisen, – eine Art von Devisenhandel, mit der sich Polen in diesen Zeiten über Wasser zu halten versuchte. Janusz Kurianowicz zog allein nach Bremerhaven. Seine ebenfalls noch sehr junge Frau, kam erst anderthalb Jahre später mit dem kleinen Sohn Piotr nachgereist, dem neun Jahre älteren Bruder von Tomasz Kurianowicz.

Zu Hause wurde bei den Kurianowiczs Polnisch gesprochen. Der kleine Tomasz lernte erst im Kindergarten die Sprache seines Geburtslandes, das aber leicht und wie nebenbei. Heute erinnert er sich an Bremerhaven als eine migrantisch geprägte Stadt. „Ich fiel als Kind polnischer Eltern nicht besonders auf“, sagt er. „Es gab in unserem Umfeld viele Spätaussiedler aus Polen, die nach einer wirtschaftlichen Perspektive suchten. Meiner Erinnerung nach, sprachen die ausschließlich Deutsch und versuchten, nicht aufzufallen, da sie Angst hatten, die deutsche Staatsangehörigkeit wieder zu verlieren.“ Die Eltern von Tomasz Kurianowicz waren da anders. Sie sprachen viel Polnisch und identifizierten sich stark als Polen, auch wenn Janusz Kurianowicz 1985 die Zahlungen an den polnischen Staat einstellte und damit das Rückreiserecht verwirkte. Dennoch sah er sich selbst als Pole. Sein Vater hatte in der roten Armee gegen die Nationalsozialisten gekämpft und war mit ihr in Berlin einmarschiert. Der Vater seiner Frau hatte ebenfalls gegen die Nazis gekämpft, allerdings auf Seiten der Alliierten. Deswegen wurde er später von der Milicja Obywatelska (zu Deutsch „Bürgermiliz“) – der offiziellen Polizei in der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Volksrepublik Polen festgenommen und zu einem Gulag-Aufenthalt in der damaligen Sowjetunion verurteilt. Diese unterschiedlichen familiären Hintergründe ergaben in der Familie viel Gesprächsstoff. Dazu gehörte auch die Frage, ob sich Polen nicht besser stärker am Westen als an Russland ausgerichtet hätte. Der kleine Tomasz zumindest wurde auf diese Weise schon früh mit politischen Themen konfrontiert, aber auch mit der Liebe zu Musik und Kunst, die beide Eltern teilten. Als phantasiebegabtes Kind liebte Tomasz Geschichten und las gerne und viel. Als Jugendlicher schrieb er kleine Theaterstücke, die er mit Freund*innen im Landhaus des Vaters einer Freundin probte. Nach dem Abitur war ihm klar, dass er etwas mit „Schreiben“ und den „schönen Künsten“ machen wollte und studierte Literatur- sowie Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin (samt einem Gastsemester in Zürich). Während des Studiums liebäugelte Tomasz Kurianowicz zunehmend mit der Idee, Kulturjournalist zu werden, und veröffentlichte in dieser Zeit bereits Artikel in der Berliner Zeitung, der Süddeutschen oder der Neuen Züricher Zeitung. Dabei ließ er bereits seine Bandbreite erahnen: So interviewte er den Popmusiker Moby, beleuchtete kritisch das RTL-Format „Teenager außer Kontrolle“ und fragte anlässlich des dramatischen Absturzes der polnischen Präsidentenmaschine „Polen, was wird mit dir sein?“. Den Magister in der Tasche hospitierte Tomasz Kurianowicz Anfang 2011 drei Monate bei der F.A.Z. und arbeitete anschließend ein Jahr als freier Journalist vor allem für diese große Frankfurter Tageszeitung.