Kasimir Zgorecki (1904–1980) – von Recklinghausen in den Pantheon der französischen Fotografie

Kazimierz Zgórecki: Autoportrait (Selbstportrait 1994), schwarz-weiß Fotografie, Print 2019, im Privatbesitz der Familie, veröffentlicht im Ausstellungskatalog Louvre-Lens
Kazimierz Zgórecki: Autoportrait (Selbstportrait 1994), schwarz-weiß Fotografie, Print 2019, im Privatbesitz der Familie, veröffentlicht im Ausstellungskatalog Louvre-Lens

Könnte sich Kasimir Zgoreckis erstes Interesse an der Fotografie schon durch Einflüsse in Herne entwickelt haben? Diese Vermutung lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht eindeutig belegen. Ausgeschlossen ist es jedoch nicht, denn in diesem Wirkungskreis entstand in Herne 1909 der Druck der polnischen Zeitung „Narodowiec“.[41] Sie veröffentlichte Artikel und Fotos für die polnisch sprachige Bevölkerung. Ralf Piorr verwies zudem auch auf das in der Bahnhofstraße liegende Fotostudio Kraft (siehe Abb. 9). Da die Familie Zgorecki nicht unweit der Einkaufsstraße lebte, wird Kasimir das Studio bekannt gewesen sein. Zudem erwähnte Piorr in unserem Gespräch, dass die Fotografie im Bergbau allgemein sehr präsent war. Oftmals wurden Arbeiter auf Fotos hierarchisch angeordnet, was ihre sozialen Status verdeutlichte. Kasimir hat diese sehr wahrscheinlich wahrgenommen, sein Vater könnte selbst fotografiert worden sein.[42] Neben dem Fotostudio Kraft gab es auch weitere Studios und Geschäfte, die fotografische Artikel verkauften. Ralf Piorr verwies diesbezüglich auf ein Herner Adressbuch von 1914, in dem mehrere Geschäfte aufgelistet wurden (siehe Abb. 10).

Nachdem Kasimir Zgorecki seine Ausbildung im Bergbau absolvierte, entschied sich die Familie 1922 zur Abwanderung nach Nordfrankreich. Durch die Wiederherstellung des freien polnischen Staates 1918 gab es im Ruhrgebiet einige Rückkehrer nach Polen. In Kasimirs Fall war dies jedoch durch die Voraussetzungen für eine Repatriierung nicht möglich. Denn nur volljährige Polen mit deutscher Reichsangehörigkeit und deutschen Wohnsitz erhielten dieses Optionsrecht.[43] Bei der Verabschiedung dieses Rechts waren Kasimir und seine jüngere Schwester Maria noch minderjährig. Das Optionsrecht endete am 10.01.1922, einige Monate vor Kasimirs achtzehntem Geburtstag.[44] Die Familie hätte sich für eine Rückkehr nach Polen vorerst trennen müssen, entschied sich aber dagegen. Warum blieben sie also nicht in Herne?

Anfang der 1920er Jahre gab es wirtschaftliche Probleme, die Ende der 1920er Jahre zu einer Weltwirtschaftskrise führten. Eine Bergbaukrise und die Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg führten zur deutlichen Verschlechterung der Lebensumstände.[45] Die Präsenz der Franzosen ist auf einer Postkarte aus dem Stadtarchiv in Herne zu sehen, die einen Straßenumzug in einem polnischen Viertel zeigt (siehe Abb. 11). Nach der Ankunft der Franzosen wurde im Dezember 1921 ein Werbebüro in Duisburg errichtet, das Ruhrpolen in die Bergbaugebiete Frankreichs abwarb.[46] Die Unzufriedenheit der Ruhrpolen stieg auch durch die immer lauter werdende antipolnische Stimmung. Ein Jahr zuvor, am 22.08.1920 gab es in Herne eine Kundgebung der Ostmarkendeutschen und Oberschlesier, die gegen das „radikale Polentum“ protestierten und die Ausweisung polnischer Agitatoren und Sokół-Mitgliedern forderten.[47] Diese Unruhen müsste Familie Zgorecki miterlebt haben (siehe Abb. 12). Sie könnten einer von mehreren Gründen für die Abwanderung nach Frankreich gewesen sein, die Kasimirs Werdegang als Fotografen in der polnischen Diaspora ebneten.

 

[42] Telefonat am 19.06.2020 zum Thema Ruhrpolen in Herne.

[43] Horst Pöttker; Harald Bader: Gescheiterte Integration, S. 21.

[44] Horst Pöttker; Harald Bader: Gescheiterte Integration, S. 21.

[45] Horst Pöttker; Harald Bader: Gescheiterte Integration, S. 23.

[46] Horst Pöttker; Harald Bader: Gescheiterte Integration, S. 23.

[47] Frank Braßel: Die polnische Hauptstadt Westfalens, S. 30f.

Mediathek
  • Abb. 1: Selbstportrait, 1920er Jahre

    Kasimir Zgorecki: Selbstportrait, Fotografie, 1920er Jahre
  • Abb. 2: Geburtsurkunde, 1904

    Geburtsurkunde von Kasimir Zgorecki, Urkunde, 1904
  • Abb. 3: Meldekarte, 1907

    Meldekarte der Familie Zgorecki, Dokument, 1907
  • Abb. 4: Herner Adressbuch, 1912

    Adresse der Familie Zgorecki, Adressbuch, 1912
  • Abb. 5: Herner Adressbuch, 1914

    Adresse der Familie Zgorecki, Adressbuch, 1914
  • Abb. 6: Bahnhofstraße in Herne, Datum unbekannt

    Zentrum in Herne, Fotografie, Autor und Datum unbekannt
  • Abb. 7: Farbpostkarte der Bahnhofstraße in Herne, um 1912

    Zentrum in Herne, Postkarte, Autor unbekannt, um 1912
  • Abb. 8: Sokół, Datum unbekannt

    Sokół-Auftritt während eines Festes, Fotografie, Autor und Datum unbekannt
  • Abb. 9: Werbeanzeige „Kraft“, Datum unbekannt

    Werbeanzeige des Fotostudios „Kraft“, Anzeige, Datum unbekannt
  • Abb. 10: Adressbuch Herne, 1912

    Adressen in Herne, Adressbuch, 1912
  • Abb. 11: Parade in Herne, Datum unbekannt

    Parade im polnischen Viertel, Fotografie, Autor und Datum unbekannt
  • Abb. 12: Kundgebung in Herne, 1920

    Aufruf gegen das radikale Polentum, Zeitschriftenanzeige, 1920
  • Abb. 13: Familie Zgorecki in Frankreich, 1920er Jahre

    Kasimir Zgorecki und seine Familie, Fotografie, 1920er Jahre
  • Abb. 14: Frauenportrait, 1920er Jahre

    Portrait einer jungen Frau, Fotografie, 1920er Jahre
  • Abb. 15: Turnbewegung, 1930er Jahre

    Fotografie eines Vereins, Fotografie, 1930er Jahre
  • Abb. 16: Familienfeier, 1930er Jahre

    Fotografie einer Familienfeier, Fotografie, 1930er Jahre
  • Abb. 17: Straßenumzug, 1930er Jahre

    Festlichkeiten in den Straßen Nordfrankreichs, Fotografie, 1930er Jahre
  • Abb. 18: Krippenspiel, 1930er Jahre

    Fotografie eines Krippenspiels, Fotografie, 1930er Jahre
  • Abb. 19: Trauernde Familie, 1930

    Fotografie einer trauernden Familie, Fotografie, 1930
  • Abb. 20: Totenfotografie, 1930er Jahre

    Fotografie eines verstorbenen Kindes, Fotografie, 1930er Jahre