Maria Anna Potocka: Zofia Posmysz

Zofia Posmysz mit ihrem Mann, um 1960
Zofia Posmysz mit ihrem Mann während einer Seefahrt, die möglicherweise eine Inspiration für ihren Roman „Die Passagierin“ war, um 1960

Zofia Posmysz. Zeitzeugin der Geschichte (zwischen Wahrheit und Post-Wahrheit)

 

Zofia Posmysz zeigt ein subtiles Talent, ihre Erlebnisse, Eindrücke und Reflexionen aus Auschwitz zu vermitteln, wobei ihre Erinnerungsarbeit verschiedene Formen nutzt. Zu den wichtigsten zählen die Literatur und ihre Auftritte als Zeitzeugin, vor Publikum, in Interviews und in Filmbeiträgen.

Zofia Posmysz hat sich ihre eigene literarische Methode und ihr eigenes schriftstellerisches Ethos geschaffen. Beides passt sich den Ereignissen an, deren Dramatik und Grauen sich Worten und der Vorstellungskraft entziehen. So bemüht sich die Schriftstellerin in der Schilderung von Orten und Fakten aus Auschwitz nicht, noch ausstehende realistische Bilder der Lagerwirklichkeit zu zeichnen. Ihr Schreibstil lebt von der Farbe der Psychologie und weder vom Duktus der Beschreibung noch vom expressiven Ausdruck. Sie ist in ihren Aussagen vor allem auf Menschen fokussiert, und zwar sowohl auf die SS-Henker als auch auf ihre Mithäftlinge. Ihr Ehrgeiz zielt darauf ab, das Gute und das Böse im Menschen zu verstehen. Diese Einstellung beruht auf der Überzeugung, dass das Gute im Menschen trotz des Alptraums Auschwitz überwiegt. Deshalb sucht sie es sogar bei den Mördern. Sie selbst hat als Person und Schriftstellerin die höchste Stufe der Menschlichkeit erreicht, indem sie eine Synthese aus Christentum und Humanismus, aus Verstehen und Mitgefühl schuf. Der wichtigste Aspekt ihrer literarischen Werke besteht in der Analyse der menschlichen Natur im Kontext des Zweiten Weltkriegs sowie im Zeichen der tragischen Experimente, denen die menschliche Unvollkommenheit unterzogen wurde. Wahrheit, Erinnerung und Versuche zu verstehen koexistieren in ihren Büchern perfekt mit „Unwahrheiten” der Literatur. Dies alles aber gelingt nur dank der ihr eigenen literarischen Moral.

Zofia Posmysz ist allerdings nicht nur Schriftstellerin. Sie füllt auch die Rolle der Zeitzeugin aus. Diese Beweisführung durch das eigene Leben empfand sie als enorme Belastung und als Verantwortung. Zugleich schien ihr die Möglichkeit ein großes Geschenk. Zeitzeugen jener Geschichte, die einer humanitären Tragödie glich und die das Böse in uns erwies, werden in unserer Zeit sehr gebraucht. Sie sind besonders für junge Menschen wichtig. Die Sprache der Zofia Posmysz als Chronistin der Geschichte ist eine andere Sprache als die der Autorin. Sie berichtet über die damalige Zeit in einer direkten, lakonischen und leidenschaftslosen Art und Weise und wirkt dadurch unprätentiös und wahrhaftig. Ihre Erzählungen zeigen eine Authentizität, die sich augenblicklich der Phantasie bemächtigt und erzwingt, sich in das von ihr Erlebte einzufühlen. Die Wirksamkeit ihrer Erzählsprache und ihres Erzählstils spiegeln sich im Mienenspiel ihrer Zuhörer wieder.

Wir leben in Zeiten der letzten Zeugen des „damaligen Unheils” und es wird uns immer mehr bewusst, wie groß die Rolle und die Bedeutung dieser direkten Zeitzeugnisse ist. Einen Zeitzeugen kann kein dokumentierendes Museum ersetzen, und schon gar nicht ein fiktiver Roman oder ein Film. Daher ist es so wichtig, die Zeugen mit allen möglichen Mitteln zu „retten”. Immer verzweifelter, weil oft im letzten Moment, versuchen wir, Mittel und Wege zu finden, um die Zeitzeugen fotografisch, literarisch und filmisch festzuhalten. Das Buch mit den Lagergeschichten von Zofia Posmysz und die frühere Publikation mit den Berichten von Wilhelm Brasse, die beide reich bebildert sind, stellen solche Versuche dar und wurden durch Filmmaterial ergänzt. In diesen Berichten ist es eminent wichtig, auf die Psychologie und die Kraft des Ausdrucks sowie auf das emotionale Engagement zu sprechen zu kommen. Zur Überraschung vieler aber rufen die Zeitzeugen ihre Erinnerungen an das Lager ausgesprochen ruhig auf, ohne das Grauen und die Tragik durch überschießende Gefühle oder Exaltiertheit zu verstärken.

 

Mediathek
  • Ein Filminterview mit Zofia Posmysz, 2016

    Maria Anna Potocka: Ein Filminterview mit Zofia Posmysz, 2016
  • Zofia Posmysz als Kind

    Zofia Posmysz als Kind

    Zofia Posmysz als Kind, Krakau, Ende der 1920-er Jahre.
  • Zofia Posmysz als Jugendliche

    Zofia Posmysz als Jugendliche

    Zofia Posmysz als Jugendliche, um 1940
  • Zofia Posmysz als Jugendliche

    Zofia Posmysz als Jugendliche

    Zofia Posmysz als Jugendliche, um 1940
  • Zofia Posmysz, Erkennungsbild aus Auschwitz

    Zofia Posmysz, Erkennungsbild aus Auschwitz

    Zofia Posmysz, Erkennungsbild, aufgenommen bei der Registrierung im KZ Auschwitz, 1942
  • Zofia Posmysz in den 1950-er Jahren

    Zofia Posmysz in den 1950-er Jahren

    Zofia Posmysz in den 1950-er Jahren
  • Zofia Posmysz in den 1960-er Jahren

    Zofia Posmysz in den 1960-er Jahren

    Zofia Posmysz in den 1960-er Jahren
  • Zofia Posmysz mit ihrem Mann

    Zofia Posmysz mit ihrem Mann

    Zofia Posmysz mit ihrem Mann während einer Seefahrt, um 1960.
  • Zofia Posmysz bei der Buchmesse in Rostock, 1969

    Zofia Posmysz bei der Buchmesse in Rostock, 1969

    Zofia Posmysz bei der Buchmesse in Rostock bei der Präsentation der deutschen Ausgabe von "Die Passagierin", 1969.
  • Zofia Posmysz mit dem Papst Benedikt XVI.

    Zofia Posmysz mit dem Papst Benedikt XVI.

    Zofia Posmysz mit dem Papst Benedikt XVI., Krakau, 2006.
  • Zofia Posmysz mit Waldemar Dąbrowski

    Zofia Posmysz mit Waldemar Dąbrowski

    Zofia Posmysz mit Waldemar Dąbrowski in Warschau vor der Premiere von "Die Passagierin", 2010.
  • Zofia Posmysz - "Song für Masza"

    Zofia Posmysz singt für Maria Anna Potocka, 2016,