Oper als Erinnerungsort. „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg 2017 in Gelsenkirchen

Plakatmotiv zur Aufführung von "Die Passagierin" im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier
Plakatmotiv zur Aufführung von "Die Passagierin" im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier

Es ist mehr als eine künstlerische Herausforderung, die Grausamkeiten der wahrscheinlich größten bewusst organisierten Vernichtungsmaschinerie in der Geschichte der Menschheit in die Ausdruckformen der Oper zu übertragen. Der Wunsch der Überlebenden, die Erinnerung an diese Gräueltaten wach zu halten und sie gleichzeitig als Mahnung gegen das Vergessen als einen lebendigen Erinnerungsort zu gestalten, waren für die Autoren jedoch offenbar gewichtiger als die Furcht vor der Problematik der literarischen und szenischen Umsetzung.

Der polnisch-jüdische Komponist Mieczysław Weinberg (polnisch: Wajnberg), ging nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 nach Russland ins Exil und lebte bis zu seinem Tod 1996 in Moskau. Auf Anraten von Dmitri Schostakowitsch wählte er als Vorlage für seine neue Oper die Novelle „Die Passagierin“ der polnischen Schriftstellerin Zofia Posmysz („Pasażerka”, Warschau 1962), deren russische Übersetzung bald darauf in der Zeitschrift Inostrannaja Literatura erschien. Darin wird, und möglicherweise war gerade das für Weinberg ausschlaggebend, die Erinnerung an Auschwitz aus der Perspektive der Täter dargestellt. Diese innovative Sicht hat die Novelle von Zofia Posmysz berühmt gemacht. Nach einer Verfilmung 1963 in Polen von Andrzej Munk wurde sie zur Vorlage für mehrere Opern- und Theateraufführungen.

Das mit Zustimmung, jedoch ohne Beteiligung von Posmysz entstandene Libretto von Alexander Medwedew und Juri Lukin hält sich nicht streng an die Vorlage. Walter, ein deutscher Diplomat, und seine Frau Lisa haben gerade auf einem Luxusschiff die Reise nach Brasilien angetreten. Dort soll Walter einen neuen Posten übernehmen und will gemeinsam mit Lisa ein neues glückliches Leben beginnen. Die Schiffspassage soll eine „zweite Hochzeitreise“ sein. Die Idylle wird jedoch durch die Passagierin Marta brutal zerstört. Lisa erkennt Marta als ihre ehemalige Untergebene aus dem Konzentrationslager, wo diese als Aufseherin „ihre Pflicht“ getan hat. Diese Episode aus ihrem Leben hat Lisa ihrem Mann allerdings verschwiegen. Die Erinnerungen an das KZ, die geschickt und spannungsvoll in Lisas Vermutungen und Befürchtungen über Martas vermutliche Kenntnis darüber verstrickt sind, treten auf der Bühne immer stärker hervor. Als Aufseherin – und auch das wird allmählich immer deutlicher – hatte sie zwar anfänglich gegenüber Marta menschliche Züge gezeigt. Letztendlich war sie aber, insbesondere als sie Martas Verlobten Tadeusz denunzierte, den diese zufällig im KZ getroffen hatte, mehr als „linientreu“ geblieben. Anschließend schickte sie Marta in den Todesblock.

Die Dramatik des Stücks steigert sich mit der zunehmenden Deutlichkeit und Intensität der Verbrechen. Erschütternd wirken die Musik und die auf Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch, Tschechisch, Jiddisch und Englisch gesungenen Partien der inhaftierten Frauen, die nacheinander ihre Erlebnisse schildern. Die vom polnischen Bariton Piotr Prochera auf Polnisch gesungenen Partien des Tadeusz wirkten auf der Gelsenkirchener Bühne besonders eindringlich und authentisch.

Mediathek
  • In der Fremde. Eine Dokumentation von ORF.

    In der Fremde - Mieczysław Weinberg in den Bregenzer Feststpielen, Eine Dokumentation von ORF