Henryk Górecki: Sinfonie der Klagelieder

Henryk Mikołai Górecki, 2011. Foto: Malcolm Crowthers. Aus dem Programm der Badischen Staatskapelle Karlsruhe anlässlich des 4. Sonderkonzerts am 23.05.2014 während der 22. Europäischen Kulturtage in Karlsruhe
Henryk Mikołai Górecki, 2011. Aus dem Programm der Badischen Staatskapelle Karlsruhe anlässlich des 4. Sonderkonzerts am 23.05.2014 während der 22. Europäischen Kulturtage in Karlsruhe

In seinen frühen, zwischen 1958 und 1960 entstandenen Kompositionen hatte sich Górecki am Minimalismus der westlichen Avantgarde, vor allem an Pierre Boulez (1925-2016), orientiert und sich damit programmatisch vom in Polen gerade untergehenden Sozialistischen Realismus abgesetzt.[4] Auf dem Warschauer Herbst/Warszawska Jesień des Jahres 1960, dem größten Festival für zeitgenössische Musik in Polen, präsentierte er sich zusammen mit Krzysztof Penderecki (1933-2020), Witold Lutosławski (1913-1994), Kazimierz Serocki (1922-1981) und Tadeusz Baird (1928-1981) einem erstaunten Publikum als Vertreter der Neuen Musik und Mitglied einer „ganz eigenständigen neuen Komponistengeneration“. Sein auf diesem Festival uraufgeführtes Orchesterwerk „Scontri“, Op. 17, „wurde zum Symbol der polnischen musikalischen Avantgarde“.[5] Die von Boulez vorgegebene punktuelle Serialität fügte er ­­– führend unter seinen Landsleuten – zu größeren Satzeinheiten zusammen, die „extrovertiert“ und „eruptiv“, so Thomas, kumulieren. Im Verlauf der 1960er-Jahre schlug er jedoch, ähnlich wie der Este Arvo Pärt (*1935), einen eigenen Weg ein. Unter weiterhin serieller Behandlung von Tonhöhe, Dynamik und Tondauer fand er zu einer geradezu meditativen Wahrnehmung von Zeit sowie zu strukturellen Kontrasten von Melodieblöcken und Refrains. Charakteristisch wurden langsame Tempi, dynamische Extreme, modale Harmonik, sparsame Texturen und eine „ökonomische Konzentration des Materials“, wobei der Komponist auch polnische Musik des Mittelalters und der Renaissance zitierte.[6]

Am Anfang der 1970er-Jahre begann Górecki mit einer zwei Jahrzehnte anhaltenden Serie von A-capella-Chorwerken sowie Kompositionen für Singstimme, Chor und Orchester, die in einer Trilogie aus der 2. (Op. 31, 1972) und 3. Sinfonie (Op. 36, 1976) und dem „Beatus Vir“ (Op. 38, 1979) einen ersten Höhepunkt fand. Mit der 3. Sinfonie kreierte er mit „direktesten technischen Mitteln“ (Thomas) einen sehr persönlichen ausdrucksstarken, gefühlvollen, lyrischen Minimalismus, der im tief empfundenen römisch-katholischen Glauben des Komponisten wurzelte und in der polnischen Musik keine Parallelen fand.

Alle drei Sätze der Sinfonie sind langsam gehalten und steigern sich bis zum Einsetzen der Singstimme „in einem stetigen Fluss“ (Feuchtner). Trotz der starken Orchesterbesetzung bestimmen vor allem die Streicher das musikalische Geschehen, während Harfe und Klavier Akzente setzen. Die Bläser intensivieren die dichte Klangwirkung durch Liegetöne. E-Moll, b-Moll und a-Moll sind die erkennbaren Grundtonarten der drei Sätze, auch wenn die Partitur ohne Vorzeichen notiert ist.[7]

Der erste Satz, mit einer Dauer von rund 27 Minuten etwa so lang wie die beiden folgenden zusammen, enthält die umfangreiche Marienklage aus dem Heiligkreuz-Kloster vom Berg Łysa Góra. Das instrumentale Vorspiel, eine ruhige Meditation über ein dreitöniges Motiv, erstreckt sich über die erste Hälfte des Satzes und besteht aus einem präzise ausgearbeiteten Kanon mit verschiedenen Instrumenten. Das Sopran-Solo, die Marienklage, erscheint tief empfunden und würdevoll. Nach ihrem Ende fällt die Musik in die Litanei des Anfangs zurück und präsentiert sich erneut als Kanon über dasselbe Motiv. Im populär gewordenen zweiten Satz (Dauer: 10‘) präsentiert die Singstimme nach einer kurzen Einleitung mit Streichern, Harfe und Klavier die Anrufung Marias aus dem Gestapo-Gefängnis in Zakopane zu Streicherklängen und Grundtönen der Bläser. Ausgerufen in großen Melodiebögen, die aus einer Volksmelodie und einem weiteren melodischen Fragment bestehen, endet der Gesang in den beiden ersten Versen des polnischen Ave Maria. Im dritten Satz (Dauer: 17‘) erwächst die Klage der Mutter um ihren gefallenen Sohn aus Variationen über ein einfaches Motiv zu Streichern, Harfe und Klavier. Sie mündet in eine Coda, „die dem Atmen nachgebildet ist und in tröstenden Akkorden ausläuft – die Musik schlägt um von modalen Tonarten in reines A-Dur. Diese Musik zu interpretieren verlangt weder besondere Virtuosität noch außergewöhnliche Spieltechniken, aber eine spirituelle Energie und die Fähigkeit, über lange Zeiträume einen Bogen zu spannen. Vom Zuhörer verlangt sie Hingabe und Offenheit …“[8] Góreckis Minimalismus verbinde sich hier, so Feuchtner, mit einer neuen Religiosität, die sich auch gegen das seinerzeitige kommunistische politische Regime in Polen richtete und sich mit dem katholischen Widerstand solidarisierte.

 

[4] Thomas 2002 (siehe Literatur), Spalte 1358

[5] Bernd Feuchtner im Programm der Badischen Staatskapelle Karlsruhe anlässlich des 4. Sonderkonzerts am 23.05.2014 während der 22. Europäischen Kulturtage in Karlsruhe, Seite 8 (siehe PDF 1)

[6] Thomas 2002 (siehe Literatur), Spalte 1358

[7] Feuchtner 2014 (siehe Anmerkung 5), Seite 8 f.

[8] Ebenda, Seite 10

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  • Henryk Górecki, 1977. Aus dem Programm des 14. Internationalen Festivals zeitgenössischer Kunst in Royan, 02.-08.04.1977

    Abb. 1: Henryk Górecki, 1977

    Henryk Górecki, 1977. Aus dem Programm des 14. Internationalen Festivals zeitgenössischer Kunst in Royan, 02.-08.04.1977
  • Erste Schallplattenaufnahme der 3. Sinfonie mit dem Großen Sinfonieorchester des Polnischen Radios unter der Leitung von Jerzy Katlewicz, bei Polskie Nagrania Muza, 1978

    Abb. 2: LP-Cover, 1978

    Erste Schallplattenaufnahme der 3. Sinfonie mit dem Großen Sinfonieorchester des Polnischen Radios unter der Leitung von Jerzy Katlewicz, bei Polskie Nagrania Muza, 1978
  • Schallplattenaufnahme von der Uraufführung der 3. Sinfonie (1977) in Verbindung mit dem Kinofilm „Police“, bei Erato,1985

    Abb. 3: LP-Cover, 1985

    Schallplattenaufnahme von der Uraufführung der 3. Sinfonie (1977) in Verbindung mit dem Kinofilm „Police“, bei Erato,1985
  • Schallplattenaufnahme von der Uraufführung der 3. Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden (1977), bei Belart (Polygram), 1993

    Abb. 4: LP-Cover, 1993

    Schallplattenaufnahme von der Uraufführung der 3. Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden (1977), bei Belart (Polygram), 1993
  • Schallplattenaufnahme von der Uraufführung der 3. Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden (1977), bei Apex (Warner Classics, 2003), Neuauflage 2007

    Abb. 5: LP-Cover, 2007

    Schallplattenaufnahme von der Uraufführung der 3. Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden (1977), bei Apex (Warner Classics, 2003), Neuauflage 2007
  • Schallplattenaufnahme der 3. Sinfonie mit der London Sinfonietta unter der Leitung von David Zinman, bei Elektra Nonesuch, 1992

    Abb. 6: LP-Cover, 1992

    Schallplattenaufnahme der 3. Sinfonie mit der London Sinfonietta unter der Leitung von David Zinman, bei Elektra Nonesuch, 1992
  • PDF 1: Programmheft, 2014

    Programmheft des Konzerts am 23.05.2014 während der 22. Europäischen Kulturtage in Karlsruhe mit der Badischen Staatskapelle Karlsruhe
  • PDF 2: Festival Royan 1977

    Programm des 14. Internationalen Festivals für zeitgenössische Kunst in Royan, 1977 (Auszug, Seiten 1, 3, 49, 51, 54-55)
  • PDF 3: Programmheft, 2018

    Programmheft des Konzerts „Urbański & Anderszewski“ in der Elbphilharmonie Hamburg am 17.11.2018