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Verbotene Liebe: Ermordung von Leon Szczepaniak in Stadecken-Elsheim

Auf dem Elsheimer Friedhof der rheinhessischen Gemeinde Stadecken-Elsheim wurde im Jahr 1975 ein Gedenkstein für den ermordeten polnischen Zwangsarbeiter Leon Szczepaniak (* 10.2.1912 † 27.5.1942) aufgestellt.
Auf dem Elsheimer Friedhof der rheinhessischen Gemeinde Stadecken-Elsheim wurde im Jahr 1975 ein Gedenkstein für den ermordeten polnischen Zwangsarbeiter Leon Szczepaniak (* 10.2.1912 † 27.5.1942) aufgestellt.

Das Schicksal von Leon Szczepaniak und Margarete Hess

 

Nach dem deutschen Überfall auf Polen geriet Leon Szczepaniak im Jahre 1939 als Unteroffizier der polnischen Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft.[1] Szczepaniak wurde am 10. Februar 1912 in Lisice, Kreis Kolo (polnisch: Koło) bei Posen in der Wojewodschaft Großpolen geboren. Im Alter von sieben Jahren war er bereits Vollwaise und zog gemeinsam mit seiner drei Jahre älteren Schwester nach Lodz (Łódź). Nachdem Szczepaniak nach Kriegsausbruch in deutsche Gefangenschaft geraten war, musste er zwei Jahre lang in der Landwirtschaft im rheinhessischen Elsheim[2] in verschiedenen Betrieben arbeiten. Dort lernte er die junge Deutsche Margarete Hess kennen. Das Verhältnis des 29-jährigen Szczepaniak und der 22-jährigen Hess wurde im Jahr 1941 beim damaligen Bürgermeister zur Anzeige gebracht. Er leitete die Meldung nach Wiesbaden weiter, so dass am 1. September 1941, genau zwei Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen, Szczepaniak in Sonderhaft genommen und Hess an diesem Tag ebenfalls von Gestapobeamten verhaftet wurde. Hess‘ Verhaftung erfolgte um fünf Uhr in der Frühe, dabei wurde sie körperlich misshandelt. Im Bericht des Pfadfinderstammes Greifenklau, herausgegeben nach September 1975 unter der Leitung des katholischen Pfarrers Dr. Ludwig Hellriegel (geb. am 3. April 1932 in Bensheim, gest. am 13. Oktober 2011 in Malching), der sich durch seine Recherche und seine Gedenkinitiative um die Aufarbeitung des NS-Verbrechens in Elsheim in herausragender Weise verdient gemacht hatte, wurden die Ereignisse während des Krieges weiter beschrieben:

„Am 22. September 1941 wurde sie [Hess] von einem Sondergericht in Mainz wegen verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen und weil sie ‚ihr Deutschtum und ihre Frauenwürde vergessen‘ zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Leon Szczepaniak wurde in der Haft dazu überredet aus der polnischen Armee auszuscheiden und einen Zivilarbeitervertrag zu unterschreiben. Nun unterstand er der SS- und Polizeiführung des Reichrasse- und Siedlungsamtes[3] in Berlin. Dort wurde ein sogenannter Eindeutschungsantrag da Leons Mutter Deutsche war, abgelehnt.

Am 27 Mai 1941 wurde Leon gefesselt nach Elsheim gebracht. Alle polnischen Zivilarbeiter (gegen 200) aus der Umgebung waren zum Gelände des heutigen Sportplatzes gebracht worden. Sie mußten mitansehen, wie das sogenannte Sonderbehandlungskommando aus Wiesbaden Leon zu einem rasch montierten Galgen brachte. Ein Wagen mit einem Sarg fuhr hinter Leon. Leon mußte eine Leiter besteigen, die Schlinge sich selbst um den Hals legen, dann zog ein Gestapomann die Leiter weg. Während die polnischen Zivilarbeiter an der Leiche vorbeigehen und dem Erhängten [sic] die Hand geben mußten, aß das Hinrichtungskommando in einer benachbarten Wirtschaft Spargel und Schinken.“

Auf dem Standesamt wurde neben dem festgehaltenen Todeszeitpunkt, 27. Mai 1942 um 11:30 Uhr, auch in zynischer Weise die Todesursache genannt: Genickbruch. Der Leichnam wurde anonym in Mainz bestattet und zwar auf dem Hauptfriedhof (Mainz Hauptfriedhof F. U2 R. 15 Nr. 45[4]).

Pfarrer Hellriegel war es auch, der in einer unter seiner Herausgeberschaft in den Jahren 1989 und 1990 veröffentlichten fünfbändigen Publikation zum Thema des Widerstandes gegen das NS-Regime und zur Verfolgung durch das NS-Regime im Bistum Mainz die Ereignisse noch einmal zusammenfasste:

„Während in Stadecken von einer „verbotenen Liebe“ einfach keine Notiz genommen wurde, mußte in Elsheim der polnische Kriegsgefangene Leon Szczepaniak dafür mit dem Leben und seine deutsche Freundin, Margarete Hess, die Tochter kleiner unpolitischer Leute, mit fast zweijähriger Gefängnishaft zahlen. Die Aufarbeitung dieser Mordtat fand noch über dreißig Jahre später ein zwiespältiges Echo.“[5]

Dabei verwies Pfarrer Hellriegel auch auf die Widerstände, die auf Seiten der lokalen Bevölkerung mit der die Schaffung eines Zeichens, das an den ermordeten Szczepaniak erinnern sollte, verbunden waren.

 

 

[1] Soweit nicht anders angegeben, stammen die Informationen aus der Quelle DPSG-Leiterrunde [Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg] des Stammes Greifenklau der Pfarrei Schwabenheim (Hrsg.): „‚Zeichen der Versöhnung‘ eine Dokumentation. Bericht des DPSG-Stammes Greifenklau, in der Pfarrei Schwabenheim. Pfarrarchiv St. Bartholomäus Schwabenheim, 77.

[2] Elsheim im Landkreis Mainz-Bingen wurde 1969 Teil der Gemeinde Stadecken-Elsheim.

[3] Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) der SS.

[4] Informationen über Gräber von Ausländern im Kreis Mainz, 2.1.3.1 RP 026 4/70815911/ITS Digital

Archive, Arolsen Archives: https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010301/0029/134773849/001.jpg

[5] Hellriegel, Ludwig (Hrsg.): Widerstehen und Verfolgung in den Pfarreien des Bistums Mainz 1933 – 1945. Bd. I: Rheinhessen, Teil 2: Dekanate Bingen, Gau-Bickelheim, Oppenheim, Worms. Eltville am Rhein 1990, S. 319.

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  • Leon Szczepaniak, vermutlich 1939

    Als Soldat der polnischen Armee (hintere Reihe Mitte) mit seinen Kammeraden auf einem Gruppenfoto, Jahr unbekannt, vermutlich 1939
  • „Schamloser Verkehr mit einem Polen“

    Margarete Heß’ Demütigung in der NS-Propaganda, 1942. 
  • Beitrag in „Glaube und Leben“ (Mainz) zur Einweihung des Gedenksteines am 8. Juli 1975

    Unter der Überschrift „Deutsch-polnischer Tag“ wurde in der katholischen Zeitung „Glaube und Leben“ aus Mainz vom 29.6.1975 über die Gedenksteineinweihung am 8. Juli 1975 berichtet.
  • Der Gedenkstein für Leon Szczepaniak am 25. Mai 2022

    Der Gedenkstein an der Gedenkveranstaltung für Leon Szczepaniak am 25. Mai 2022 mit den Kränzen des Polnischen Generalkonsulats Köln und der Ortsgemeinde Stadecken-Elsheim, 2022