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Dora Diamant – Aktivistin, Schauspielerin und Franz Kafkas letzte Lebensgefährtin

Dora Diamant, vermutlich Düsseldorf um 1928. Porträtfoto, ein Ausschnitt als Passbild markiert
Dora Diamant, vermutlich Düsseldorf um 1928. Porträtfoto, ein Ausschnitt als Passbild markiert

Vereinzelte und zeitlich begrenzte Informationen über Dora Diamant waren seit langem bekannt. Der Schriftsteller Max Brod (1884–1968), Franz Kafkas enger Freund und späterer Nachlassverwalter, wusste von ihr spätestens seit September 1923 aus Postkarten und Briefen, die Kafka ihm aus Berlin-Steglitz nach Prag schrieb. Am 9. November reiste Brod nach Berlin um seine Geliebte, die Schauspielerin Emmy Salveter, zu treffen, sich Gewissheit über Kafkas gesundheitlichen Zustand zu verschaffen und um dessen neue Freundin Dora kennen zu lernen. Seitdem ließ Dora Grüße an Brod bestellen. „Ich möchte auch mal an Max schreiben“, betonte sie im Januar 1924 in einem Brief.[1] Kafkas jüngste Schwester Ottla (1892–1943 KZ Auschwitz-Birkenau) und ihr Mann Josef David (1891–1962) erfuhren spätestens seit Dezember 1923, Kafkas Eltern seit Januar 1924 regelmäßig über Dora und erhielten auch von ihr persönlich verfasste Notizen und Grüße. Noch in seinem letzten Brief an die Eltern schrieb Kafka, dessen Tuberkulose im Frühjahr 1924 auf den Kehlkopf übergegriffen hatte, am Tag vor seinem Tod von der „in der Ferne völlig unvorstellbaren Hilfe von Dora“.[2] Auch in Kafkas Briefen an die jugendliche, mit ihren Eltern in Berlin lebende spätere Tänzerin Tile Rössler (Tehila Ressler, 1907–1959), an seine vorherige Geliebte Milena Jesenská (1896–1944 KZ Ravensbrück), an den Vortragskünstler und Rezitator Ludwig Hardt (1886–1947) und an den Freund Robert Klopstock (1899–1972), der Kafka gemeinsam mit Dora Diamant bis zu dessen Tod pflegte, wurde Dora regelmäßig erwähnt.

Dora Diamant erzählt über ihre Zeit mit Franz Kafka

Etwas mehr als zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam Diamant über ihre Zeit mit Kafka erstmals öffentlich zu Wort. In London führte der aus Prag stammende Autor und Kunsthistoriker Josef Paul Hodin (1905–1995), promovierter Jurist, Biograf des norwegischen Malers Edvard Munch und schließlich Presseattaché der tschechoslowakischen Exilregierung in London, Interviews mit Dora Dymant, wie sie sich seit ihrer Übersiedlung nach London nannte, und mit dem Maler Friedrich Feigl (1884–1965), einem Prager Mitschüler von Kafka. Feigl, der seit 1910 mit seiner Frau in Berlin lebte, hatte Kafka zusammen mit Diamant in Berlin wiedergetroffen. Beide Gespräche verarbeitete Hodin zu dem umfangreichen Aufsatz „Memories of Franz Kafka“, der im Januar 1948 in der monatlichen Londoner Literaturzeitschrift Horizon – A Review of Literature and Art erschien und im Juni 1949 in deutscher Fassung in Berlin in dem bei der amerikanischen Militärregierung herausgegebenen Magazin Der Monat, einer „internationalen Zeitschrift für Politik und geistiges Leben“, abgedruckt wurde.[3]

Feigl, der zusammen mit Kafka das Deutsche Altstädter Gymnasium in Prag besucht und anschließend an der Prager Kunstakademie studiert hatte, berichtete Hodin, Kafka habe ihm in Berlin seine Verlobte, also Dora Diamant, vorgestellt und eines seiner Bilder gekauft, eine etwas unheimlich wirkende Studie von Prag, die Kafka seiner Verlobten geschenkt habe.[4] Hodin schrieb, er habe viele Stunden mit Mrs. Dora Dymant zugebracht, in denen sie über Kafka und über dessen letzte Lebensmonate gesprochen hätten. Sie habe dabei eingeräumt nicht objektiv sein zu können, mehr als 20 Jahre, nachdem Kafka gegangen sei: „But after all, one can only measure time by the importance of one’s experiences. Even today it is often difficult for me to talk about Kafka. Frequently it is not the facts which are decisive, it is a mere matter of atmosphere. What I tell has an inner truth. Subjectivity is part of it.“[5]

In dem Interview berichtete Diamant über ihre erste Begegnung mit Kafka, der ihr am Strand von Müritz in Begleitung seiner Schwester Elli (1889–1942 Vernichtungslager Kulmhof) und von deren beiden Kindern, Gerti und Felix, aufgefallen war. Beeindruckt von Kafkas Erscheinung war sie ihnen in den Ort nachgegangen und hatte ihn am Abend im „Haus Huten“, dem Ferienhaus des Jüdischen Volksheims, wiedergetroffen, wohin Dr. Franz Kafka aus Prag als Ehrengast zum Abendessen eingeladen worden war. Das weitläufige, zweigeschossige Herbergsheim am Rand des Birkenwalds im Osten von Müritz[6] lag in Sichtweite zum „Landhaus Glückauf“, in dem Kafka wohnte. Sie schilderte seine Verhaltensweisen und Wesensart, das spätere Zusammenleben mit ihm in Berlin, die Eigenheiten seiner schriftstellerischen Tätigkeit, seine alltäglichen Gepflogenheiten und Marotten, erteilte Auskunft über Schriftsteller und Publizisten wie Franz Werfel (1890–1945), Willy Haas (1891–1973) und Rudolf Kayser (1889–1964)[7], die ihn besucht hatten, und über Literatur, die er liebte, wie Kleists „Marquise von O.“ oder Goethes „Hermann und Dorothea“. Sie berichtete über seine krankheitsbedingte Abreise von Berlin zu den Eltern nach Prag, über die Einweisungen in Sanatorien in Niederösterreich und Klosterneuburg und über seinen Tod.

Wenig erzählte sie von sich selbst. Sie sei „aus dem Osten“ gekommen, „als ein dunkles Geschöpf voller Träume und Vorahnungen, wie aus einem Roman von Dostojewski entsprungen.“ Sie hätte so viel „vom Westen gehört, von seinem Wissen, seiner Klarheit und seinem Lebensstil“ und so sei sie nach Ende des Ersten Weltkriegs „nach Deutschland mit einer aufnahmebereiten Seele“ gereist: „Nach der Katastrophe des Krieges erwartete jedermann Rettung vom Osten. Ich aber war aus dem Osten davongelaufen, weil ich glaubte, dass das Licht aus dem Westen käme. […] Im Osten wusste man um den Menschen; vielleicht konnte man sich dort nicht so frei in der Gesellschaft bewegen und wusste sich nicht so leicht auszudrücken, aber man wusste um die Einheit von Mensch und Schöpfung. Als ich Kafka das erste Mal sah, erfüllte sein Bild sofort meine Vorstellung vom Menschen.“[8]

 

[1] Brief Franz Kafka an Max Brod, Berlin-Steglitz, Ankunftsstempel Praha-Hrad, 14.1.1924, in: Max Brod, Franz Kafka – eine Freundschaft. Band 2: Briefwechsel, Frankfurt am Main 1989. Briefe von Franz Kafka aus verschiedenen Quellen können auf der Webseite von ADir. Werner Haas (Universität Wien) mithilfe einer Suchfunktion erschlossen werden, https://homepage.univie.ac.at/werner.haas/ (zuletzt aufgerufen am 04.08.2023). – Max Brod, promovierter Jurist und selbst anerkannter Romanschriftsteller, arbeitete bis zum Frühjahr 1924 als Beamter bei der Postdirektion in Prag, anschließend als Kunst- und Literaturkritiker beim Prager Tagblatt. Postkarten von Kafka an Max Brod vom 20. und 28.4.1924 adressierte Diamant an die Postanschrift des Prager Tagblatt.

[2] Brief Franz Kafka an die Eltern, Kierling, Sanatorium Dr. Hoffmann, 2.6.1924, in: Franz Kafka. Briefe an Ottla und die Familie, herausgegeben von Hartmut Binder und Klaus Wagenbach, Frankfurt am Main 1975; auch in: Brod 1962 (siehe Literatur), Seite 257 f.

[3] Hans-Gerd Koch fasste die deutsche Übersetzung des Interviews aus der Zeitschrift Der Monat unter dem Autorennamen von Dora Diamant mit der Überschrift „Mein Leben mit Franz Kafka“ zusammen und publizierte diese erneut 1995 in seinem bei Wagenbach erschienenen Sammelband: „Als Kafka mir entgegenkam …“ (siehe Literatur), Seite 174–185. Klaus Wagenbach 1964 [10. Auflage 1972, siehe Literatur], Seite 146, zitiert eine weitere Fassung unter dem Namen von Dora Dymant und dem Titel „Ich habe Franz Kafka geliebt“ aus: Die Neue Zeitung vom 18.8.1948. Dieses Blatt erschien seit 1945 in München und später mit einer eigenen Ausgabe in Berlin als „eine amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“ im Verlag der US-Armee; vgl. Bernhard von Zech-Kleber: Die Neue Zeitung, auf: Historisches Lexikon Bayerns, https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Die_Neue_Zeitung (zuletzt aufgerufen am 04.08.2023).

[4] Hodin 1948 (siehe Literatur), Seite 32–34.

[5] Ebenda, Seite 35.

[6] Kathi Diamant 2013 (siehe Literatur), Seite 26.

[7] Der Literaturhistoriker Rudolf Kayser war seit 1922 Herausgeber der Berliner Literaturzeitschrift Die neue Rundschau, die im Oktoberheft desselben Jahres Kafkas Novelle „Ein Hungerkünstler“ veröffentlichte. Kayser schrieb im Juli-Heft 1924 einen Nachruf auf Franz Kafka (Band 35, 2. Band, Heft 7, Seite 752); erneut abgedruckt im Sammelband von Hans-Gerd Koch: „Als Kafka mir entgegen kam …“ 1995 (siehe Literatur), Seite 196 f.

[8] Dora Diamant: Mein Leben mit Franz Kafka 1995 (siehe Anmerkung 3), Seite 175.

Mediateka
  • Abb. 1: Burg und Synagoge in Będzin, um 1900

    Fotografie, Nationalbibliothek Warschau/Biblioteka Narodowa w Warszawie, Signatur F.4044/IV A
  • Abb. 2: Hebräischklasse in Będzin, um 1916

    Die Hebräischklasse für Frauen und Mädchen in Będzin mit ihrem Lehrer David Maletz, um 1916. Untere Reihe, 1. von rechts: Dora Dymant
  • Abb. 3: Ehem. Jüdisches Volksheim, Berlin

    Ehemaliges Jüdisches Volksheim (1916-1933), Berlin, Dragonerstraße 22, heute Max-Beer-Straße 5 (erbaut 1842)
  • Abb. 4: Franz Kafka, 1923/24

    Franz Kafka, 1923/24. Die angeblich letzte fotografische Aufnahme des Schriftstellers, unbekannter Fotograf
  • Abb. 5: Miquelstraße 8, Berlin-Steglitz

    Erste gemeinsame Wohnung von Dora Diamant und Franz Kafka, Miquelstraße 8, Berlin-Steglitz (Eckhaus links, 3. Stock), im Krieg zerstört, heute Muthesiusstraße 20-22, Postkarte, um 1910
  • Abb. 6: Ehem. Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Berlin

    Ehemalige Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Berlin, Artilleriestraße 14. Heute Leo-Baeck-Haus, Tucholskystraße 9, Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland
  • Abb. 7: Grunewaldstraße 13, Berlin-Steglitz

    Zweite gemeinsame Wohnung von Dora Diamant und Franz Kafka, Ehem. Villa Dr. Rethberg, Grunewaldstraße 13, Berlin-Steglitz
  • Abb. 8: Sanatorium Hoffmann, Kierling

    Franz Kafkas Sterbehaus: Ehem. Sanatorium Hoffmann, Kierling bei Klosterneuburg, Bezirk Tulln, Niederösterreich
  • Abb. 9: Dora Diamant, um 1924

    Dora Diamant, um 1924. Anonyme Fotografie
  • Abb. 10: Diamant und A.N. Stencl, 1950

    Dora Diamant und der Lyriker Avrom Nokhem Stencl, England 1950. Anonyme Fotografie
  • Abb. 11: Dora Diamant, um 1925

    Dora Diamant, um 1925. Anonyme Fotografie, rückseitig bezeichnet: „Dora circa 1925“
  • Abb. 12: Schauspielhaus Düsseldorf

    Schauspielhaus Düsseldorf, um 1910. Fotografie: Julius Söhn, Stadtarchiv Düsseldorf, 226_540_001
  • Abb. 13: Dora Diamant, um 1928

    Dora Diamant, um 1928. Porträt- oder Bühnenfoto aus ihrer Zeit an der Hochschule für Bühnenkunst, Düsseldorf; anonyme Fotografie
  • Abb. 14: Lutz Lask, um 1933

    Lutz Lask, um 1933. Anonyme Fotografie
  • Abb. 15: Dora Diamant und ihre Tochter Marianne, 1936

    Dora Diamant und ihre Tochter Marianne, Berlin 1936, kurz vor ihrer Ausreise in die Sowjetunion; anonyme Fotografie
  • Abb. 16: Dora Diamant und ihre Tochter Marianne, 1938

    Dora Diamant und ihre Tochter Marianne, vermutlich Sewastopol 1938, vor ihrer Flucht aus der Sowjetunion; anonyme Fotografie
  • Abb. 17: Plaistow Hospital, London

    Plaistow Hospital, West Ham, London E 13, Dora Diamants Sterbehaus, Postkarte, um 1930
  • Abb. 18: Dora Diamants Grabstätte

    Grabstätte von Dora Diamant, United Synagogue Cemetery, Marlow Road, East Ham, London. Gedenkstein von 1999
  • Eric Gottgetreu, 1974

    Eric Gottgetreu: They knew Kafka, in: The Jerusalem Post Magazine vom 14.6.1974, Seite 16