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Vom Sokół-Verein zu Dariusz Wosz – Polnischer Sport in Bochum

Im Bochumer Ruhrstadion springt der Berliner Niko Kovac während der Fußball-Zweitliga-Begegnung VFL Bochum gegen Hertha BSC Berlin über den Bochumer Andrzej Rudy, rechts der Bochumer Kapitän Dariusz Wosz, 1996.
Für den VfL Bochum auf dem Platz: Andrzej Rudy und Kapitän Dariusz Wosz, 1996

Bochum war das organisatorische Zentrum jener polnischsprachigen[1] Migration ins Ruhrgebiet, die das lange 19. Jahrhundert im Industriegebiet charakterisierte und das Revier als großen Migrationsraum und polnischen „ethnoscape“, einen Erfahrungsraum im Migrationsprozess, konstruiert hat. Die Stadt wurde zum Kern der Selbstorganisation einer „Polenbewegung“[2], die versuchte den Prozess der Zuwanderung und der Etablierung neuer sozialer Strukturen und Identitäten zu begleiten, zu moderieren und politisch zu artikulieren. Hunderttausende polnischsprachige Menschen und Masuren[3] aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches wanderten vor dem Ersten Weltkrieg ins Revier ein und bildeten vor 1914 eine Wohnbevölkerung von geschätzt 500.000 Menschen, einschließlich Masuren[4]. Die polnischen Eingewanderten lebten bald in ethnischen Wohnkolonien, die das Gesicht der Städte veränderten. Sie entwickelten ein differenziertes Vereinswesen mit 875 Vereinen, in denen über 80.000 Migrantinnen und Migranten organisiert waren, und gründeten eine polnische Gewerkschaft mit Sitz in Bochum sowie ein eigenes, polnischsprachiges Pressewesen. In Bochum waren Redaktion und Druckerei der größten polnischen Tageszeitung „Wiarus Polski“ (deutsch „Polnischer Kumpel“) ansässig, die mit einer Auflage zwischen 10.000 und 12.000 Exemplaren von Jan Brejski herausgegeben wurde, dem Reichstagsabgeordneten und wirkungsmächtigen Politiker im Ruhrgebiet. Brejski verkörperte als Politiker, Gewerkschaftler und Mitglied in zahlreichen polnischen Vereinen in Personalunion die „Polenbewegung“. In der Klosterstraße (heute Am Kortländer) in Bochum befand sich auch die Zentrale des Bundes der Polen in Deutschland e. V.[5]

Zur Selbstorganisation der polnischen Zugewanderten gehörten bald auch Turnvereine, die als Symbol des Mutes und der Kühnheit den Falken (poln. „sokół“) im Wappen trugen, die so genannten Sokół-Vereine. Sie waren mit ihren Umzügen, Turnfesten und ihrem Vereinsleben ein maßgeblicher Teil des Alltags der polnischen Community, machten sie nach außen sichtbar und stellten mit ihren Verbindungen zur Posener polnischen Zentrale des Sokół-Verbandes (Związek Sokołów Polskich w Państwie Niemieckim/Polnischer Sokół-Verband im Deutschen Reich) und der nationalpolnischen Orientierung eine Provokation für die Germanisierungsbemühungen der preußisch-deutschen Politik dar[6]. Die Vereine wurden deshalb mit Argusaugen von der ebenfalls in Bochum etablierten Polenüberwachungsstelle observiert.

Obwohl die Sokół-Vereine nach den religiösen Organisationen quantitativ mit 117 Verbindungen vor dem Ersten Weltkrieg die zweitgrößte Vereinigung im polnischen Vereinsgefüge des Ruhrgebiets[7] darstellten, sind sie von der Geschichtsschreibung stiefmütterlich behandelt worden. Der bildungsbürgerliche Blick der Historikerzunft in der Bundesrepublik hat den sportlichen Freizeitaktivitäten lange wenig Bedeutung beigemessen, in der Geschichtswissenschaft der Volksrepublik Polen war die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Verband eben wegen der bürgerlichen Dominanz in der Posener Zentrale und der nationalistischen Orientierung verpönt bzw. untersagt.[8] 

 

[1] Zwischen 1772 und 1795 wurde der polnische Staat von den Großmächten Preußen, Österreich und Russland annektiert und in drei Teile (Teilgebiete) aufgeteilt. Polen verschwand bis 1918 von der Landkarte. Die Begriffe „polnisch“ bzw. „Polen“ müssen in diesem Kontext begriffen werden.

[2] Vgl. Schade, Wulf, Kużnia Bochumska – die Bochumer (Kader-)schmiede. Bochum als Zentrum der Polenbewegung (1871-1914), in: Bochumer Zeitpunkte, 17 (2004), S. 3-21 (https://www.kortumgesellschaft.de/tl_files/kortumgesellschaft/content/download-ocr/zeitpunkte/Zeitpunkte-17-2005OCR.pdf, Zugriff am 27.12.2020). 

[3] Die häufig mit den Polen verwechselten Masuren stellen ein Sonderproblem dar, das hier nicht weiter verfolgt werden kann. Die ethnische Gruppe, die hauptsächlich aus den ostpreußischen Kreisen Ortelsburg, Neidenburg und Allenstein stammte, war ein Amalgam aus einer Mehrheitsethnie von Polen, assimilierten Deutschen, Hugenotten, Schotten und Salzburgern. Sie sprachen einen altpolnischen, bäuerlichen Dialekt, waren evangelisch und traditionell preußenfreundlich eingestellt. Zur Geschichte Masurens und der Masuren vgl. Kossert, Andreas, Masuren: Ostpreußens vergessener Süden, Berlin 2001.

[4] Für die Unschärfe der Zahlen und ihre Diskussion vgl. Bleidick, Dietmar, Bochum, das institutionelle Zentrum der Polen in Deutschland, in: Bochumer Zeitpunkte 33(2015), S. 3-9, hier S. 3. https://www.kortumgesellschaft.de/tl_files/kortumgesellschaft/content/download-ocr/zeitpunkte/Zeitpunkte-33-2015OCR.pdf, Zugriff am 27.12.2020).

[5] Über die Bedeutung Bochums für die polnischsprachigen Zugewanderter vgl. weiter Bleidick 2015.

[6] Eine ausführliche Darstellung der Geschichte dieser Organisation, ihrer sozialen und politischen Funktion für die Migranten im Industrierevier im Kontext der sozialhistorischen Entwicklung bei Blecking, Diethelm, Sport, Fußball und Migration im Kohlerevier. Polnische Migranten im Ruhrgebiet und in Nordfrankreich, in: Hüser, Dietmar/Baumann, Ansbert (Hg.), Migration/Integration/Exklusion. Eine andere deutsch-französische Geschichte des Fußballs in den langen 1960er Jahren, Tübingen 2020, S. 83-111.

[7] Zum Vereinsgefüge Blecking, Diethelm, Polen/Türken/Sozialisten. Sport und soziale Bewegungen in Deutschland, Münster 2001, S. 54.

[8] Zu dieser administrativen Konstruktion von Geschichte in Volkspolen vgl. Blecking, Diethelm, Die Geschichte der nationalpolnischen Turnorganisation „Sokół“ im Deutschen Reich 1884-1939, Münster (2. Auflage) 1990, S. 23.

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  • Im Bochumer Ruhrstadion springt der Berliner Niko Kovac über den VfL Bochumer Andrzej Rudy, rechts der Bochumer Kapitän Dariusz Wosz, 1996

    Andrzej Rudy und Dariusz Wosz, 1996

    Im Bochumer Ruhrstadion springt der Berliner Niko Kovac über den VfL Bochumer Andrzej Rudy, rechts der Bochumer Kapitän Dariusz Wosz, 1996.
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    Michał Probierz, ehemaliger Spieler der SG Wattenscheid 09.
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    Michał Probierz, ehemaliger Spieler der SG Wattenscheid 09, machte sich nach seiner aktiven Fußballlaufbahn auch als Trainer in Polen einen Namen.
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    Marek Leśniak, Bayer Leverkusen

    Torjubel nach dem erzielten Siegtreffer am 21.10.1989 (FC Bayern - Bayer Leverkusen 0:1), Autogrammkarte
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    Marek Leśniak, Bayer Leverkusen

    Marek Leśniak, Bayer Leverkusen, Torjubel nach dem erzielten Siegtreffer am 21.10.1989 (FC Bayern - Bayer Leverkusen 0:1), Autogrammkarte - Rückseitte
  • Dariusz Wosz, VfL Bochum

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    Dariusz Wosz, VfL Bochum, Autogrammkarte 1992
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    Tomasz Waldoch, VfL Bochum 1998/99

    Tomasz Waldoch, VfL Bochum 1998/99, Autogrammkarte
  • Tomasz Waldoch, VfL Bochum 1998/99, Autogrammkarte - Rückseite

    Tomasz Waldoch, VfL Bochum 1998/99

    Tomasz Waldoch, VfL Bochum 1998/99, Autogrammkarte - Rückseite
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    Henryk Baluszynski VfL Bochum

    Henryk Baluszynski VfL Bochum
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    Jacek Ratajczak VfL Bochum 1999/2000

    Jacek Ratajczak VfL Bochum 1999/2000, Autogrammkarte 
  • Jacek Ratajczak VfL Bochum 1999/2000 Rückseite

    Jacek Ratajczak VfL Bochum 1999/2000 Rückseite

    Jacek Ratajczak VfL Bochum 1999/2000 Rückseite, Autogrammkarte
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    Miroslaw Giruc SG Wattenscheid 09

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  • Miroslaw Giruc SG Wattenscheid 09 Rückseite

    Miroslaw Giruc SG Wattenscheid 09 Rückseite

    Miroslaw Giruc SG Wattenscheid 09 Rückseite, Autogrammkarte 14.4.1998