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Madame Szymanowska und Goethe – eine aufflammende Liebe?

Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu
Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu

Das von Goethe angeregte öffentliche Konzert konnte am 4. November „im Saale des Stadthauses, vor einem, nach den hiesigen Verhältnissen, sehr zahlreichen Auditorium“[57] stattfinden, nachdem Großfürstin Maria Pawlowna, die Schwiegertochter von Großherzog Carl August, ihr eigenes Instrument ausgeliehen hatte. Das Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode (PDF 5) berichtete ausführlich über das Konzert, in dem auch Gesangssolisten und Mitglieder der Hofkapelle auftraten. Auf dem Programm standen Beethovens 4. Sinfonie in B-Dur, das Klavierkonzert A-Moll von Hummel, ein Klavierquintett von Beethoven, Gesangsstücke von Ferdinando Paër, ein Klavier-Notturno von John Field sowie ein Rondo aus dem 1. Klavierkonzert von Klengel: „Mit allgemeinem, rauschendsten Beifall sah sich die ausgezeichnete Künstlerin belohnt. Hummel’s schwieriges Concert trug sie mit einer Kraft und Zartheit, Fertigkeit, Präcision und Rundung vor, die alles in Erstaunen setzte, und welcher ohne Zweifel selbst der Meister, der, von jeder unedlen Rücksicht entfernt, seit seinem Petersburger Aufenthalte zugleich ein werther Freund der Künstlerin ist, wäre er zugegen gewesen, gewiß volle Gerechtigkeit würde haben angedeihen lassen.“[58] Die Allgemeine musikalische Zeitung urteilte: „Mad. Szymanowska fand auch wie anderwärts enthusiastische Verehrer, die ihr Spiel in aller Hinsicht weit über das Spiel mancher berühmterer Künstler setzten und in ihm so ziemlich das Höchste erreicht fanden, was zu erreichen menschlicher Kraft möglich sey.“[59]

Kanzler von Müller berichtete von einem anschließenden Souper bei Goethe, bei dem dieser eine schwärmerische Laudatio auf Szymanowska hielt: „Fühlen wir uns nicht alle insgesammt durch diese liebenswürdige, edle Erscheinung, die uns jetzt wieder verlassen will, im Innersten erfrischt, verbessert, erweitert? Nein, sie kann uns nicht entschwinden, sie ist in unser innerstes Selbst übergegangen, sie lebt in uns mit uns fort und fange sie es auch an, wie sie wolle, mir zu entfliehen, ich halte sie immerdar fest in mir.“[60] Möglicherweise war auch der vierzehnjährige Felix Mendelssohn-Bartholdy auf dem Konzert anwesend, der in diesen Tagen bei Goethe und am Weimarer Hof zum wiederholten Mal als eine Art Wunderkind zu Gast war. Denn der Musikschriftsteller und Mendelssohn-Biograph August Reissmann legte dem „Wunderknaben“ ein Zitat in den Mund, in dem er Goethes mehrfach wiederholten Vergleich zwischen Hummel, der kurzzeitig Mendelssohns Lehrer war, und der „Claviervirtuosin Szymanowska, die jener Zeit in Weimar weilte,“ frech kommentierte: „Die Szymanowska wird über Hummel gesetzt. Man hat ihr hübsches Gesicht mit ihrem Spiel verwechselt.“[61]

 

[57] Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Nr. 109, November 1823), Seite 890 (siehe PDF 5), Online-Ressource: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00217576/JLM_1…

[58] Ebenda

[59] Nachrichten. Weimar. April bis Ende 1823, in: Allgemeine musikalische Zeitung, No. 9, Leipzig, 26. Februar 1824, Spalte 139, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10527974?page=88,89

[60] Dienstags, den 4. November. Goethes Unterhaltungen (siehe Anmerkung 38), Seite 72, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11001483?page=88,89

[61] August Reissmann: Felix Mendelssohn-Bartholdy. Sein Leben und seine Werke, Dritte Auflage, Leipzig 1893, Seite 29 f. – Das Zitat vermutlich erstmals in dem Buch des Historikers und Sohns von Mendelssohn, Carl/Karl Mendelssohn Bartholdy: Goethe und Felix Mendelssohn Bartholdy, Leipzig 1871, Seite 17, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11001481?page=26,27&q=Szymanowska – Weitere Kritiken aus Zeitungen und Zeitschriften über Szymanowskas Konzert in Weimar sowie Äußerungen von Zeitgenossen bei Bischler 2017 (siehe Literatur), Seite 75-86

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  • Abb. 1: Szymanowska, 1816

    Zofia Woyno (um 1810-1830): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, Miniatur, 1816. Gouache über Bleistift auf Papier, 14 x 10,4 cm, Inv. Nr. Min.628 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Wa...
  • Abb. 2: Serenade für Anton Radziwiłł, 1819

    Marie Szymanowska: Serenade für Klavier und begleitendem Violoncello, komponiert für und gewidmet seiner Hoheit, dem Prinzen Anton Radziwiłł, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1819, Nationalbibliothek War...
  • Abb. 3: Marienbad um 1815

    Der Kreuzbrunnen zu Marienbad, um 1815. Aus: Franz Satori, Oesterreichs Tibur, oder Natur- und Kunstgemählde aus dem oesterreichischen Kaiserthume, Wien 1819, Frontispiz, Österreichische Nationalbibli...
  • Abb. 4: Marienbad um 1820

    Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, 8 x 13 cm. Titelblatt zu: Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823
  • Abb. 5: Marienbad um 1820

    Ludwig Ernst von Buquoy (1783-1834): Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, koloriert, 28,5 x 44 cm, Privatbesitz
  • Abb. 6: Goethe, 1823

    Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Marienbad 1823. Lithographie nach einer Bleistiftzeichnung
  • Abb. 7: Goethe, 1823/26

    Henri Grévedon (1776-1860): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Paris 1826. Nach einer Zeichnung von Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836) von 1823, Lithographie, Inv. Nr. his-Port-G-0077, Universit...
  • Abb. 8: Goethe, 1828

    Joseph Karl Stieler (1781-1858): Johann Wolfgang von Goethe, 1828. Öl auf Leinwand, 78 x 63,8 cm, Inv. Nr. WAF 1048, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München
  • Abb. 9: Brösigke’sches Haus, um 1821

    Unbekannt: Brösigke’sches Haus (Palais Klebelsberg) in Marienbad, um 1821, kolorierte Lithographie, 44,9 x 65,1 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 10: Ulrike von Levetzow, um 1821

    Unbekannt: Bildnis Theodore Ulrike Sophie von Levetzow, um 1821. Pastell, 43,4 x 33,5 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 11: Szymanowska, 1825

    Aleksander Kokular: Bildnis Maria Szymanowska/Portret Marii Szymanowskiej, 1825. Öl auf Leinwand, Inv. Nr. K.839, Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza, Warschau
  • PDF 1: Liste der Marienbader Kurgäste, 1823

    Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823 (Titelblatt fehlt), Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
  • PDF 2: Kurjer Warszawski, 1822

    Nowosci Warszawskie. Kurjer Warszawski, Nr. 77, 31. März 1822, Seite 1, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 3: Kurjer Warszawski, 1823

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 183, 3. August 1823, Seite 1, Spalte 2, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 4: Allgemeine musikalische Zeitung, 1824

    Nachrichten. Leipzig, vom Michael 1823 bis zum März 1824, in: Allgemeine musikalische Zeitung, Nr. 13, 25. März 1824, Spalte 204, Münchner Digitalisierungs-Zentrum
  • PDF 5: Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, 1823

    Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Jahrgang 38, Nr. 109, November 1823, Seite 889-892, Klassik Stiftung Weimar
  • PDF 6: Kurjer Warszawski, 1824

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 14, 16. Januar 1824, Seite 1, Spalte 1 f., Biblioteka Jagiellońska w Krakowie