Momente dessen, was wir Geschichte und Momente dessen, was wir Gedächtnis nennen

Eingang zum Konzentrationslager Sachsenhausen, 14.11.2019
Marian Stefanowski, Turm „A“ – Eingang zum Konzentrationslager Sachsenhausen, 14.11.2019

Zurück zu den Fotografien von Marian Stefanowski. Zu der leeren, beängstigend sauberen, geordneten „weiten Fläche”, in der sporadisch kleine Gruppen von Menschen zu sehen sind, die in keine Verbrechen und kein Leid verstrickt sind und die keiner existenziellen Extremerfahrung der Geister der Vergangenheit unterworfen sind, sondern die in unsere Zeit gehören, während sie zwischen den grausamen Artefakten, den Splittern der Geschichte und der sich vor ihnen öffnenden freien Fläche wie verloren wirken. Die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg und ihrer eigenen Antwort sind. Fragt sich nur, wie fällt sie aus?

Das kühle und distanzierte Auge des Fotografen raunt uns auch diesmal keine verbindlichen Lösungen zu.

Und so kommen wir zu dem Punkt, an dem die Erfahrung des Lagers Sachsenhausen dank Marian Stefanowskis Kamera auch zu meiner eigenen Erfahrung wurde, einer Erfahrung, die mir vor allem als eine offene, sich ständig wiederholende Frage begegnet: nach einer Idee, nach den Vorstellungen und nach den psychogesellschaftlichen Mechanismen, die sowohl die kollektive als auch die individuelle Gewalt in ihren unzähligen Formen und Varianten begründet. Eine Frage nach der immerwährenden Präsenz dieser Ideen in allen möglichen gesellschaftlichen Systemen, mitunter verdeckt, diskret und banal, aber auch vertraut und rationalisiert und nur selten beeinflusst von einer Tragödie, die durch bestimmte Umstände offen ausbricht und die Öffentlichkeit erschüttert. In diesem Sinne stellt sich keine Frage nach dem Nazismus als solchen mehr, obwohl das Ausmaß der Gräueltaten, deren Quelle und direkter Verursacher er war, weder überschätzt noch vergessen werden kann. Der Nationalsozialismus mit seinem System der Stigmatisierung, der Isolierung, der Entmenschlichung und der Vernichtung offenbart auf mustergültige Art und Weise − schließlich war Sachsenhausen das Paradeobjekt des Systems, als Muster eines Musters konzipiert und entworfen − als eine auf die Spitze getriebene Konsequenz einer in menschlichen Gesellschaften dauerpräsenten Denkweise sowie der entsprechenden Kategorien und Vorstellungen. Alles ist eine Frage der Umstände, der Möglichkeiten und der Dimension. Vielleicht werden wir auch nicht lange warten müssen, bis es erneut zu Stacheldraht und Wachtürmen kommt? Und, global gesehen: sind sie wirklich verschwunden? Das wäre wohl zu viel an moralischem Luxus. 

Sollte es aber jemals eine Art private Erinnerungsform an diesen Ort, mein gewissermaßen privates Museum der Unschuld geben − denn wer bin ich schon, dass ich für andere entscheide? − würde sie genauso sein. 

Betrachten wir also unsere gesellschaftlichen Gewissheiten und Strukturen skeptisch, fragen wir und hinterfragen wir. Fragen als solche münden selten in Mord. Anders als die unerschütterlich sicheren Antworten, die keinen Raum für Zweifel lassen.

 

Krzysztof Dudziak 

Bearbeitung: Magda Potorska 

Mai-Juni 2020

Mediathek
  • Marian Stefanowski, Turm „A“ – Eingang zum Konzentrationslager Sachsenhausen, 14.11.2019

    Der Turm „A“ – Eingang zum Konzentrationslager Sachsenhausen

    Marian Stefanowski, der Turm „A“ – Eingang zum Konzentrationslager Sachsenhausen, 14.11.2019
  • Panorama Konzentrationslager, Blick vom Eingang Turm „A“: Links Appellplatz I, rechts Appellplatz II, 12.08.2018

    Blick vom Eingang Turm „A“: Links Appellplatz I, rechts Appellplatz II, 12.08.2018

    Marian Stefanowski, Panorama Konzentrationslager, Blick vom Eingang Turm „A“: Links Appellplatz I, rechts Appellplatz II, 12.08.2018
  • Marian Stefanowski, Appellplatz I, 12.08.2018

    Appellplatz I

    Marian Stefanowski, Appellplatz I, 12.08.2018
  • Marian Stefanowski, Bereich mit Baracken-Umrissen, 14.11.2019

    Bereich mit Baracken-Umrissen, 14.11.2019

    Marian Stefanowski, Bereich mit Baracken-Umrissen, 14.11.2019
  • Marian Stefanowski, Bereich mit Baracken-Umrissen, 14.11.2019

    Bereich mit Baracken-Umrissen, 14.11.2019

    Marian Stefanowski, Bereich mit Baracken-Umrissen, 14.11.2019
  • Baracken 39 und 38

    Baracken 39 und 38

    Marian Stefanowski, Baracken 39 und 38 – KZ Museum, 14.11.2019
  • Baracke 38 – Schlafraum für 250 Häftlinge

    Baracke 38 – Schlafraum für 250 Häftlinge

    Marian Stefanowski, Baracke 38 – Schlafraum für 250 Häftlinge, 14.11.2019
  • Baracke 38 – Waschraum

    Baracke 38 – Waschraum

    Marian Stefanowski, Baracke 38 – Waschraum, 12.08.2018
  • Baracke 38 – „Toiletten“

    Baracke 38 – „Toiletten“

    Marion Stefanowski, Baracke 38 – „Toiletten“, 12.08.2018
  • Elektrozaun

    Elektrozaun

    Marin Stefanowski, Elektrozaun, 14.11.2019
  • Erschießungsgraben

    Erschießungsgraben

    Marian Stefanowski, Erschießungsgraben – Gedenktafel – der erste Massenmord an 33 Polen am 9.11.1940, 14.11.2019
  • Erschießungsgraben – in Richtung Krematorium

    Erschießungsgraben – in Richtung Krematorium

    Marian Stefanowski, Erschießungsgraben – in Richtung Krematorium, 12.08.2018
  • Krematorium – die Bronzeplastik von Waldemar Grzimek

    Krematorium – die Bronzeplastik von Waldemar Grzimek

    Marin Stefanowski, Krematorium – die Bronzeplastik von Waldemar Grzimek, 14.11.2019
  • Überreste des Krematoriums

    Überreste des Krematoriums

    Marian Stefanowski, Überreste des Krematoriums nach den Sprengungen 1952 und 1953, 12.08.2018
  • KZ-Gelände mit Blick auf die Krankenhäuser

    KZ-Gelände mit Blick auf die Krankenhäuser

    Marian Stefanowski, KZ-Gelände mit Blick auf die Krankenhäuser, 12.08.2018
  • Medizin und Verbrechen

    Das Krankenrevier

    Marian Stefanowski, Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936-1945, 12.08.2018
  • Medizin und Verbrechen

    Pathologie

    Marian Stefnowski, Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936-1945 – Pathologie,12.08.2018
  • Zellenbau

    Zellenbau

    Marian Stefanowski, Zellenbau – ein geheimnisumworbener Ort grausamer Misshandlungen und Morde, 4.11.2019
  • Zellenbau

    Zellenbau

    Marian Stefanowski, Zellenbau – ein geheimnisumworbener Ort grausamer Misshandlungen und Morde, 14.11.2019
  • Denkmal zur Erinnerung an den polnischen General Stefan Rowecki „GROT“

    Denkmal zur Erinnerung an den polnischen General Stefan Rowecki „GROT“

    Marian Stefanowski, Denkmal zur Erinnerung an den polnischen General Stefan Rowecki „GROT“, ermordet 1944, 14.11.2019
  • Hier wurden ehemalige Häftlinge bestattet, die nach der Befreiung im benachbarten Krankenrevier an den Folgen der KZ-Haft verstorben sind.

    Hier wurden ehemalige Häftlinge bestattet, die nach der Befreiung im benachbarten Krankenrevier an den Folgen der KZ-Haft verstorben sind.

    Marian Stefanowski, 14.11.2019
  • Gedenktafeln für die 183 am 6.11.1939 in Krakau verhafteten und ins KZ verschleppten polnischen Professoren

    Gedenktafeln für die 183 am 6.11.1939 in Krakau verhafteten und ins KZ verschleppten polnischen Professoren

    Marin Stefanowski, Gedenktafeln für die 183 am 6.11.1939 in Krakau verhafteten und ins KZ verschleppten polnischen Professoren, 14.11.2019
  • Gedenktafeln für die 183 am 6.11.1939 in Krakau verhafteten und ins KZ verschleppten polnischen Professoren

    Gedenktafeln für die 183 am 6.11.1939 in Krakau verhafteten und ins KZ verschleppten polnischen Professoren

    Marian Stefanowski, Gedenktafeln für die 183 am 6.11.1939 in Krakau verhafteten und ins KZ verschleppten polnischen Professoren, 12.08.2018
  • Wachturm "E"

    Wachturm "E"

    Marian Stefanowski, Wachturm "E", neben dem sich der Eingang zum Sonderlager / Zone II befindet, 14.11.2019
  • KZ-Sonderlager/Zone II, 1945-1950 sowjetisches Speziallager Nr. 7

    KZ-Sonderlager/Zone II, 1945-1950 sowjetisches Speziallager Nr. 7

    Marian Stefanowski, KZ-Sonderlager/Zone II, 1945-1950 sowjetisches Speziallager Nr. 7, 14.11.2019
  • Das Denkmal der nationalen Mahn- und Gedenkstätte der DDR

    Das Denkmal der nationalen Mahn- und Gedenkstätte der DDR

    Marin Stefanowski, das Denkmal der nationalen Mahn- und Gedenkstätte der DDR; heute ist der ehemalige Vernichtungsort mit dem Krematorium („Station Z“) der zentrale Gedenkort für die KZ-Opfer , 14.11....
  • Eines von drei Massengräbern mit den Opfern des sowjetischen Speziallagers (1945-1950)

    Massengrab

    Marian Stefanowski, eines von drei Massengräbern mit den Opfern des sowjetischen Speziallagers (1945-1950), 12.08.2018