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Waren sie wirklich "Rebellen"? Zur Münchner Ausstellung "Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900"

Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917-23. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Inv. Nr. MP 387 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917-23. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Inv. Nr. MP 387 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie

Wer mit festgefügten und über Jahrzehnte geprägten Vorstellungen über die Bildwelt des „Symbolismus in Europa“, so der Titel der frühen und zentralen Ausstellung zu diesem Thema 1975/76 in Baden-Baden, Rotterdam („Het symbolisme en Europa“), Brüssel und Paris („Le symbolisme en Europe“), in die Münchner Ausstellung über den „Polnischen Symbolismus um 1900“ kommt, muss dazulernen. Die polnische Variante dieser Stilrichtung umfasst, wenn man die ausgestellten Gemälde zurate zieht, eine breite Zeitspanne von 1875 bis 1918 und zeigt teilweise Bildthemen und Malstile, die man in Deutschland, aber auch in Frankreich und Großbritannien nicht unter dem Begriff „Symbolismus“ einordnen würde. Zunächst verwundert die starke Präsenz des Historienmalers Jan Matejko am Beginn der Ausstellung, den wir doch gerade 2018/19 in der Bonner Bundeskunsthalle und teilweise mit denselben Bildern als einen der europäischen „Malerfürsten“ kennen gelernt haben.[1] In München repräsentiert er jedoch zusammen mit Wojciech Gerson die Vorläufer jener Kunstschaffenden, die als „polnische Symbolisten“ gegen die Historienmalerei und die mit ihr verbundenen politischen Auffassungen opponierten.

Kaum jemand würde also in einer Ausstellung zum „europäischen“ Symbolismus die in München gezeigte „Japanerin“ (1908, Abb. 10) von Józef Pankiewicz vermuten oder die Nachtansicht der „Ludwigsbrücke in München“ (1896/97, Abb. 8) von Aleksander Gierymski, dann die an Franz von Lenbach geschulte, auf freiem Feld liegende Ukrainerin unter dem Titel „Altweibersommer“ (1875) von Józef Chełmoński (Abb. 7), die von Prinz Eugens schwedischen Landschaften beeinflusste „Wolke“ (1902, Abb. 13) von Ferdynand Ruszczyc, den an Édouard Manet erinnernden „Jungen in Gymnasiastenuniform“ (um 1890) von Olga Boznańska oder die folkloristischen Figurenszenen (1891-95) von Włodzimierz Tetmajer und Teodor Axentowicz (Abb. 21, 22) um nur einige Beispiele in der Münchner Ausstellung zu nennen. Dass hier etwas anders ist, lassen auch die Vorworte und einführenden Texte des Katalogs vermuten, in denen von der „Bewegung des sogenannten ‚Jungen Polen‘“[2] und der „ersten derart umfänglichen Schau zur Malerei des Jungen Polen in Deutschland“[3], aber wenig bis gar nicht vom Symbolismus die Rede ist. Ob nun der „polnische Symbolismus“ und die Kunst des „Jungen Polen“ kongruent sind oder das eine Teil des anderen ist, darüber erfährt man nichts. Im einführenden Saaltext zur Ausstellung fehlen sogar beide Begriffe. Auf der Suche nach belastbaren Definitionen wird man sich also älterer Literatur zuwenden müssen.

Aus deutscher Sicht beschrieb Jost Hermand schon 1959 (und in zweiter Auflage 1972) den Symbolismus als „spätromantische, mit gewissen impressionistischen Elementen angereicherte Strömung“ der Malerei unmittelbar zur Wende zum 20. Jahrhundert, in der „spiritistisch-okkultistische Elemente“ mit einer „bewussten Gegnerschaft zum positivistischen Materialismus“ überwogen. Angeregt durch spiritistische Geheimbünde und einen Hang zum „Unheimlichen und Unerklärlichen“ entstand ein „mysteriöser Symbolismus“, dem unter den Einflüssen der Franzosen Pierre Puvis de Chavannes, Odilon Redon, Eugène Carrière und Gustave Moreau, des Belgiers James Ensor und dem Frühwerk des Norwegers Edvard Munch in Deutschland vor allem Arnold Böcklin mit seinen allegorischen Fabelwesen, der Münchner Franz von Stuck und Max Klinger mit seinem Spätwerk, in Belgien Fernand Khnopff und in Italien Giovanni Segantini angehörten und von denen Werke ab 1895 in der Berliner Kunst- und Literaturzeitschrift Pan veröffentlicht wurden.[4] Ähnlich beschrieb Hans H. Hofstätter 1965 (und in der zweiten Auflage 1973) den Symbolismus „als betonte und aggressive antibürgerliche, manchmal sogar antimoralische Kunst“ mit wiederkehrenden Versuchen „den positivistischen Realismus der bürgerlichen Weltanschauung und Weltordnung zu durchbrechen“.[5] Er kennzeichnete die Ästhetik des Symbolismus mit den Stichworten „Pessimismus“ und „Perversion“ und dessen Bildwelten mit den Themen „Kosmischer Symbolismus“, „Tod und Eros“, „Traumerlebnis“, „Der Mensch als Maske“, „Symbolgestalten des Weibes“, „Fetischismus“ und „Satanismus“.

 

[1] Malerfürsten, Ausstellungs-Katalog Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Katalogkonzept: Doris Lehmann und Katharina Chrubasik, München: Hirmer 2018; vergleiche dazu auf diesem Portal den Beitrag „Malerfürst“ Jan Matejko in der Bundeskunsthalle, https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/malerfuerst-jan-matejko-der-bundeskunsthalle

[2] Roger Diederen: Vorwort, in: Ausstellungs-Katalog Stille Rebellen 2022, Seite 8

[3] Barbara Schabowska: Grußwort, ebenda, Seite 11; ähnlich Albert Godetzky/Nerina Santorius: Einleitung, ebenda, Seite 14

[4] Kapitel Symbolismus, in: Richard Hamann/Jost Hermand: Stilkunst um 1900 (Epochen deutscher Kultur von 1870 bis zur Gegenwart, Band 4 [1959, 1972]), Frankfurt am Main 1977, Seite 289-304

[5] Hans H. Hofstätter: Symbolismus und die Kunst der Jahrhundertwende. Voraussetzungen, Erscheinungsformen, Bedeutungen [1965], 2. Auflage, Köln 1973, Seite 9, 23

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  • Abb. 1: Das Aufhängen der Sigismund-Glocke, 1874

    Jan Matejko: Das Aufhängen der Sigismund-Glocke im Domturm zu Krakau im Jahr 1521, 1874. Öl auf Karton, 94 x 189 cm, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 2: Stańczyk, 1862

    Jan Matejko: Stańczyk, 1862. Öl auf Leinwand, 88 x 120 cm, Nationalmuseum Warschau/ Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 3: Ohne Land, 1888

    Wojciech Gerson: Ohne Land. Pomoranen, von den Deutschen auf die baltischen Inseln vertrieben, 1888. Öl auf Leinwand, 114,8 x 207 cm, Nationalmuseum Stettin/Muzeum Narodowe w Szczecinie
  • Abb. 4: Raum 2. Die Kunstzentren Krakau und Warschau

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 2. Von links: J. Malczewski, „Die Inspiration des Malers“, 1897; „Teufelskreis“, 1895/97; „Der Traum des Malers“, um 1888; J. Matejko: „Der blinde Veit Stoß“, 1865;...
  • Abb. 5: Teufelskreis, 1895-97

    Jacek Malczewski: Teufelskreis, 1895-97. Öl auf Leinwand, 174 x 240 cm, Raczyński-Stiftung, Nationalmuseum Poznań/Fundacja im. Raczyńskich przy Muzeum Narodowym w Poznaniu
  • Abb. 6: Raum 3. Im Dialog mit der europäischen Kunst

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 3. Von links: A. Gierymski, „Die Ludwigsbrücke“, 1896/97; W. Czachórski, „Friedhof in Venedig“, 1876; W. Pruszkowski, „Allerseelen“, 1888; J. Pankiewicz, „Heuwagen“...
  • Abb. 7: Altweibersommer, 1875

    Józef Chełmoński: Altweibersommer, 1875. Öl auf Leinwand, 119,5 x 156 cm, Inv. Nr. MP 423 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 8: Die Ludwigsbrücke in München, 1896/97

    Aleksander Gierymski: Die Ludwigsbrücke in München, 1896/97. Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm, Inv. Nr. MP 4758 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 9: Heuwagen, 1890

    Józef Pankiewicz: Heuwagen, 1890. Öl auf Leinwand, 50,5 x 69,2 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 10: Japanerin, 1908

    Józef Pankiewicz: Japanerin, 1908. Öl auf Leinwand, 200 x 94 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 11: Raum 4. Polnische Landschaften

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 4. Von links: F. Ruszczyc: „Wolke“, 1902; „Wintermärchen“, 1904; „Alte Apfelbäume“, 1900; K. Krzyżanowski: „Verkiai bei Vilnius“, 1907; fünf Landschaftsskizzen; K. ...
  • Abb. 12: Pappeln am Wasser, 1900

    Jan Stanisławski: Pappeln am Wasser, 1900. Öl auf Leinwand, 145,5 x 80,5 cm, Inv Nr. MNK II-b-550, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 13: Wolke, 1902

    Ferdynand Ruszczyc: Die Wolke, 1902. Öl auf Leinwand, 103,5 x 78 cm, Nationalmuseum Poznań/Muzeum Narodowe w Poznaniu
  • Abb. 14: Raum 5. Frühlingserwachen

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 5. Von links: J. Malczewski: „Frühling“, 1898; W. Hofman: „Frühling“, 1918; „Krippenspiel“, 1918; K. Sichulski: Triptychon „Frühling“, 1909
  • Abb. 15: Frühling, 1898

    Wojciech Weiss: Frühling, 1898. Öl auf Leinwand, 96,5 x 65,5 cm, Inv. Nr. MP 3879 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 16: Meine Modelle, 1897

    Jacek Malczewski: Meine Modelle, 1897. Öl auf Leinwand, 63 x 36 cm, Inv. Nr. MNK II-b-159, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 17: Der Tod, 1902

    Jacek Malczewski: Der Tod, 1902. Öl auf Leinwand, 98 x 75 cm, Inv. Nr. MP 373 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 18: In der Staubwolke, 1893-95

    Jacek Malczewski: In der Staubwolke, 1893-95. Öl auf Leinwand, 78 x 150 cm, Raczyński-Stiftung, Nationalmuseum Poznań/Fundacja im. Raczyńskich przy Muzeum Narodowym w Poznaniu
  • Abb. 19: Derwid, 1902

    Jacek Malczewski: Derwid, 1902. Öl auf Karton, 53 x 45 cm, Inv. Nr. MNK II-b-900, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 20: Der Bauernsarg, 1894

    Aleksander Gierymski: Der Bauernsarg, 1894. Öl auf Leinwand, 141 x 195 cm, Inv. Nr. MP 964 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 21: Musikanten in Bronowice, 1891

    Włodzimierz Tetmajer: Musikanten in Bronowice. Vor dem Gasthaus, 1891. Öl auf Leinwand, 106 x 182 cm, Inv. Nr. MP 5500 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 22: Kołomyjka, 1895

    Teodor Axentowicz: Kołomyjka, 1895. Öl auf Leinwand, 85 x 112,5 cm, Inv. Nr. MP 359 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 23: Raum 7. Tradition und Religion

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 7. Von links: W. Jarocki: „Huzulen in den Karpaten“, 1910; „Helenka aus Poronin“, 1913; W. Tetmajer: „Musikanten in Bronowice“, 1891; T. Axentowicz: „Kołomyjka“, 18...
  • Abb. 24: Raum 8. Porträts

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 8. Von links: E. Okuń: „Selbstbildnis in spanischer Tracht“, 1911; J. Fałat: „Selbstbildnis“, 1896; J. Malczewski: „Auf einer Saite. Selbstbildnis“, 1908; J. Malcze...
  • Abb. 25: Auf einer Saite, 1908

    Jacek Malczewski: Auf einer Saite. Selbstbildnis, 1908. Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm, Inv. Nr. MP 1276 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 26: Selbstbildnis mit Masken, 1900

    Wojciech Weiss: Selbstbildnis mit Masken, 1900. Öl auf Leinwand, 90 x 72 cm, Inv Nr. MNK II-b-877, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 27: Bildnis der Ehefrau des Künstlers vor Pegasus, 1913

    Józef Mehoffer: Bildnis der Ehefrau des Künstlers vor Pegasus, 1913. Öl auf Leinwand, 95 x 78 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 28: Damenbildnis, 1891

    Olga Boznańska: Damenbildnis, 1891. Öl auf Leinwand, 122 x 80 cm, Inv. Nr. MP531 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 29: Melancholiker, 1898

    Wojciech Weiss: Melancholiker (Totenmesse), 1898. Öl auf Leinwand, 128 x 65,5 cm, Inv. Nr, MNK II-b-2158, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 30: Besessenheit, 1899/1900

    Wojciech Weiss: Besessenheit, 1899/1900. Öl auf Leinwand, 101 x 186 cm, Literaturmuseum Warschau/Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza w Warszawie, Dauerleihgabe im Nationalmuseum Warschau/Muzeum Na...
  • Abb. 31: Wahn, 1893

    Władysław Podkowiński: Wahn, Skizze, 1893. Öl auf Leinwand, 56 x 46 cm, Inv. Nr. MP 338 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 32: Trauermarsch, 1894

    Władysław Podkowiński: Trauermarsch, 1894. Öl auf Leinwand, 83,5 x 119,5 cm, Inv. Nr. MNK II-b-154, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 33: Die Unzüchtige

    Witold Wojtkiewicz: Die Unzüchtige (Gefallene Frau), 1904. Aus dem Zyklus „Tragikomische Skizzen“, Tusche, Gouache, Buntstift auf Papier, 47,5 x 38,7 cm, Inv. Nr. MNK III-r.a-11688, Nationalmuseum Kra...
  • Abb. 34: Zirkus I, 1907

    Witold Wojtkiewicz: Zirkus I, 1907. Öl auf Leinwand, 59,5 x 71,5 cm, Schlesisches Museum, Kattowitz/Muzeum Śląskie w Katowicach
  • Abb. 35: Pflügen, 1905

    Witold Wojtkiewicz: Pflügen, 1905. Öl auf Leinwand, 57,7 x 96 cm, Inv. Nr. MP 5157 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 36: Die Inspiration des Malers, 1897

    Jacek Malczewski: Die Inspiration des Malers, 1897. Öl auf Leinwand, 79 x 64 cm, MNK II-b-2543, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 37: Raum 11. Polonia

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 11. Von links: J. Malczewski: „Polnischer Hamlet“ (1903); „Pythia“, 1917; „Junges Polen“, 1917; L. Wyczółkowski: „Ritter inmitten von Blumen“, 1904; J. Malczewski: ...
  • Abb. 38: Nec mergitur, 1904/05

    Ferdynand Ruszczyc: Nec mergitur, 1904/05. Öl auf Leinwand, 219 x 203 cm, Litauisches nationales Kunstmuseum/Lietuvos nacionalinis dailės muziejus, Vilnius
  • Abb. 39: Ritter inmitten von Blumen, 1904

    Leon Wyczółkowski: Ritter inmitten von Blumen, 1904. Pastellkreide auf Papier, 176 x 300 cm, Société Historique et Littéraire Polonaise / Bibliothèque Polonaise de Paris
  • Abb. 40: Pythia, 1917

    Jacek Malczewski: Pythia, 1917. Öl auf Leinwand, 210 x 110 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie