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Die Kinder vom Bullenhuser Damm

Die ehemalige Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, nach der Räumung im Mai 1945.
Die ehemalige Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, nach der Räumung im Mai 1945. Zu sehen sind auch die Auswirkungen eines Bombenangriffs vom 27./28. Juli 1943 und des anschließenden Brandes.

1979 veröffentlichte Schwarberg unter dem Titel „Der SS-Arzt und die Kinder“ bei Gruner & Jahr in Hamburg sein erstes umfangreiches Buch zu diesem Thema, das in den folgenden Jahrzehnten und mit variierenden Titeln zahlreiche Neuauflagen erfuhr. Übersetzungen folgten 1981 in französischer, 1982 in rumänischer, 1984 in englischer und 1991 in japanischer Sprache. 1987 erschien in Warschau eine polnische Version unter dem Titel „Dzieciobójca. Eksperymenty lekarza SS w Neuengamme“. 1996 folgte Schwarbergs Tagebuch über die Geschichte der Kinder und seine Spurensuche unter dem Titel „Meine zwanzig Kinder“ bei Steidl in Göttingen.

Aufgrund der Veröffentlichungen erfuhr 1979 die Tante von Alexander und Eduard Hornemann, einzige Überlebende der Familie, in Eindhoven vom Schicksal ihrer Neffen. Sie blieb bis zu ihrem Tod 2008 im Kontakt mit der Vereinigung, lehnte es jedoch ab, nach Deutschland zu kommen. 1982 traf Rucza Witońska, inzwischen verheiratete Rose Grumelin, Günther Schwarberg in Paris und erkannte auf den mitgebrachten Fotos ihre Kinder Roman und Eleonora. Sie kam noch im selben Jahr nach Hamburg. Seit ihrem Tod 2012 kam ihr Sohn Marc-Alain regelmäßig zu den Gedenkfeiern. Ebenfalls 1982 nahm der Onkel von Mania, Chaim Altman, aus den USA zu Schwarberg Kontakt auf und kam 1986 erstmals nach Hamburg. 1983 erfuhr Gisella De Simone von dem Verbrechen an ihrem Sohn Sergio, nahm im Folgejahr an der Gedenkfeier in Hamburg teil, schenkte dem Tod ihres Kindes jedoch keinen Glauben. Seit ihrem Ableben im Jahre 1988 kamen ihr später geborener Sohn und dessen Familie regelmäßig an jedem 20. April nach Hamburg.1984 erfuhr der in Haifa lebende Ytzhak (Jerzy) Reichenbaum vom Schicksal seines Bruders Eduard. Seitdem besuchten er und seine Frau fast jedes Jahr die Gedenkfeiern am Bullenhuser Damm und sprachen mit Jugendlichen über das Schicksal ihrer Familie.

1983 legten Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit dem Verein den bis heute bestehenden Rosengarten an, den die Hamburger Künstlerin Lili Fischer weiter ausgestaltete. An dessen Eingang ließ das sowjetische Kulturministerium 1985 eine Bronzeplastik des Künstlers Anatoli Mossitschuk zur Erinnerung an die ermordeten sowjetischen Häftlinge aufstellen (Abb. 9, 10). Am Zaun des Rosengartens wurden für jedes Kind und für die Ärzte und Pfleger jeweils eine Granittafel mit einem auf Porzellan gebrannten Foto, den Lebensdaten, der Herkunft und einer persönlichen Widmung angebracht (Abb. 11-34).

Um das Versagen der deutschen Justiz im Fall Arnold Strippel zu dokumentieren, veranstaltete der Verein 1986 in der Gedenkstätte Bullenhuser Damm ein mehrtägiges internationales Tribunal, das mit Juristen aus den Ländern der Opfer und unter dem Vorsitz des ehemaligen deutschen Verfassungsrichters Martin Hirsch tagte. Ziel war es aufzuklären, warum Strippel als einer der Hauptverdächtigen für den Kindermord nicht vor Gericht gestellt worden war und warum die bundesdeutsche Justiz allgemein die Verfolgung von Naziverbrechen verhinderte oder verzögerte. Auszüge aus den Protokollen der Curiohaus-Prozesse wurden verlesen und Angehörige, Zeugen und Sachverständige gehört. „Als Niso Zylberberg, der Vater von Ruchla, nach vorn geht,“ so berichtete Schwarberg, „stehen die tausend Menschen schweigend auf. Er kann vor Tränen  kaum sprechen. Jizhak Reichenbaum berichtet von seinem Bruder Eduard, Margarete Wilkens von Sergio De Simone, Chaim Altman von seiner kleinen Nichte Mania. Am 20. April 1986 urteilen die Richter: ‚Die Nichtverfolgung der Morde am Bullenhuser Damm ist kein Einzelfall, sondern beispielhaft für den Umgang der bundesdeutschen Justiz mit Naziverbrechen. Ein Staat, der die Verbrechen des Naziregimes unbestraft lässt, ist anfällig für neuen Faschismus.‘“[46]

1987 wurde im Treppenhaus der Gedenkstätte ein Wandgemälde des Hamburger Künstlers Jürgen Waller mit dem Titel „21. April 1945, 5 Uhr morgens“ installiert, das den Tatort so zeigen sollte, wie ihn sich der Künstler für den Morgen nach der Tat vorstellte (Abb. 35). 1992 wurden in Hamburg-Schnelsen im Neubaugebiet Burgwedel Straßen, ein Park und ein Spielhaus nach den Kindern benannt. 1994 erhielt die Gedenkstätte in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme eine neue Dauerausstellung, wurde 1999 als deren Außenstelle etabliert und kam damit als Teil der Hamburger Kulturbehörde in städtische Hände. Heute ist die Gedenkstätte der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen zugeordnet. Im Jahr 2000 wurde auf dem nach dem polnischen Jungen R. Zeller benannten Roman-Zeller-Platz in Burgwedel eine Gedenkstele des russischen Künstlers Leonid Mogilevski mit den in Bronze gegossenen Porträts und den Namen der zwanzig Kinder errichtet (Abb. 36). 2011 wurde die Gedenkstätte Bullenhuser Damm räumlich erweitert und die Ausstellung neu konzipiert.

 

[46] Schwarberg: Kinder 1996 (siehe Literatur), Seite 155

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  • Abb. 1: Sergio De Simone

    Sergio De Simone aus Neapel, um 1943. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14142831
  • Abb. 2: Alexander Hornemann

    Alexander Hornemann aus Eindhoven, um 1942. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14262100
  • Abb. 3: Eduard Hornemann

    Eduard Hornemann aus Eindhoven, um 1942. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14262099
  • Abb. 4: Marek und Adam James

    Marek James aus Radom mit seinem Vater Adam, um 1943. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14265681
  • Abb. 5: Walter Jungleib

    Walter Jungleib aus Holohovec, um 1942
  • Abb. 6: Georges André Kohn

    Georges André Kohn aus Paris, um 1944
  • Abb. 7: Jacqueline Morgenstern

    Jacqueline Morgenstern aus Paris bei ihrer Erstkommunion, 1944
  • Abb. 8: Die Angeklagten, 1946

    Die Angeklagten im Neuengamme-Hauptprozess im Hamburger Curiohaus, 1946
  • Abb. 9: Eingang zum Rosengarten

    Eingang zum Rosengarten, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Juni 2022
  • Abb. 10: Denkmal für die ermordeten sowjetischen Häftlinge, 1985

    Anatoli Mossitschuk: Denkmal für die ermordeten sowjetischen Häftlinge, 1985. Am Eingang zum Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, 2022
  • Abb. 11: Rosengarten

    Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg. Blick auf den Zaun mit den Gedenktafeln für die ermordeten Kinder, die Ärzte und die Pfleger. Foto: Juni 2022
  • Abb. 12: Gedenktafel

    Gedenktafel und Zaun mit den Granittafeln für die ermordeten Kinder. Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg. Foto: Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto:...
  • Abb. 13: Gedenktafel für Surcis Goldinger

    Gedenktafel für Surcis Goldinger aus Ostrowiec Świętokrzyski, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 14: Gedenktafel für Lea Klygerman

    Gedenktafel für Lea Klygerman aus Ostrowiec Świętokrzyski, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 15: Gedenktafel für H. Wasserman

    Gedenktafel für das Mädchen H. Wasserman aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 16: Gedenktafel für Marek James

    Gedenktafel für Marek James aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 17: Gedenktafel für Roman und Eleonora Witoński

    Gedenktafel für Eleonora und Roman Witoński aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 18: Gedenktafel für R. Zeller

    Gedenktafel für den Jungen R. Zeller aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 19: Gedenktafel für Eduard und Alexander Hornemann

    Gedenktafel für Eduard und Alexander Hornemann aus Eindhoven, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 20: Gedenktafel für Riwka Herszberg

    Gedenktafel für Riwka Herszberg aus Zduńska Wola, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 21: Gedenktafel für Georges André Kohn

    Gedenktafel für Georges André Kohn aus Paris, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 22: Gedenktafel für Jacqueline Morgenstern

    Gedenktafel für Jacqueline Morgenstern aus Paris, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 23: Gedenktafel für Ruchla Zylberberg

    Gedenktafel für Ruchla Zylberberg aus Zawichost, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 24: Gedenktafel für Eduard Reichenbaum

    Gedenktafel für Eduard Reichenbaum aus Kattowitz, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 25: Gedenktafel für Mania Altman

    Gedenktafel für Mania Altman aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 26: Gedenktafel für Sergio De Simone

    Gedenktafel für Sergio De Simone aus Neapel, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 27: Gedenktafel für Lelka Birnbaum

    Gedenktafel für Lelka Birnbaum aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 28: Gedenktafel für Walter Jungleib

    Gedenktafel für Walter Jungleib aus Hlohovec, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 29: Gedenktafel für Bluma Mekler

    Gedenktafel für Bluma Mekler aus Sandomierz, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 30: Gedenktafel für Marek Steinbaum

    Gedenktafel für Marek Steinbaum aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 31: Gedenktafel für den Arzt Gabriel Florence

    Gedenktafel für den Arzt Professor Gabriel Florence aus Lyon, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 32: Gedenktafel für den Arzt René Quenouille

    Gedenktafel für den Arzt René Quenouille aus Villeneuve-Saint-Georges, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 33: Gedenktafel für den Pfleger Dirk Deutekom

    Gedenktafel für den Pfleger Dirk Deutekom aus Amsterdam, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 34: Gedenktafel für den Pfleger Anton Hölzel

    Gedenktafel für den Pfleger Anton Hölzel aus Deventer, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 35: Gemälde von Jürgen Waller, 1987

    Jürgen Waller: 21. April 1945, 5 Uhr morgens, 1987. Öl auf Leinwand, Montagen, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg
  • Abb. 36: Gedenkstele von Leon Mogilevski, 2000

    Leonid Mogilevski: Gedenkstele für die Kinder vom Bullenhuser Damm, 2000. Roman-Zeller-Platz, Hamburg
  • Abb. 37: Ehemalige Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Ehemalige Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm 92, Hamburg-Rothenburgsort, Foto: Juni 2022
  • Abb. 38: Denkmaltafeln für die ehem. Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Denkmaltafeln für die Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 39: Denkmaltafel der ehem. Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Denkmaltafel der Freien und Hansestadt Hamburg für die ehemalige Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm 92, Hamburg-Rothenburgsort, Foto: Juni 2022
  • Abb. 40: Ausstellungsraum 1

    Ausstellungsraum 1 mit symbolischen Koffern für die Biografien der Kinder, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 41: Ausstellungsraum 1

    Ausstellungsraum 1 mit symbolischen Koffern für die Biografien der Kinder, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 42: Koffer für Riwka Herszberg

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Riwka Herszberg aus Zduńska Wola, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 43: Koffer für Ruchla Zylberberg

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Ruchla Zylberberg aus Zawichost, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 44: Koffer für Mania Altman

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Mania Altman aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 45: Koffer für Eleonora Witońska

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Eleonora Witońska aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 46: Koffer für Roman Witoński

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Roman Witoński aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 47: Koffer für Professor Gabriel Florence

    Koffer für den Arzt Professor Gabriel Florence aus Lyon, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 48: Ausstellungsraum 2

    Ausstellungsraum 2 mit vertiefenden Materialien zu den Biografien der Kinder und allen Aspekten des Tatgeschehens, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 49: Tatraum

    Tatraum mit einem Verschlag, in dem Leichen der Kinder lagen, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 50: Gedenkraum für die Opfer

    Gedenkraum für die ermordeten Opfer vom Bullenhuser Damm, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022