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Die Kinder vom Bullenhuser Damm

Die ehemalige Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, nach der Räumung im Mai 1945.
Die ehemalige Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, nach der Räumung im Mai 1945. Zu sehen sind auch die Auswirkungen eines Bombenangriffs vom 27./28. Juli 1943 und des anschließenden Brandes.

Spurensuche, Dokumentation, Erinnerung. Die Errichtung einer Gedenkstätte

In den Jahren nach den Curiohaus-Prozessen verblasste in der breiteren Öffentlichkeit die Erinnerung an die Morde am Bullenhuser Damm. Im August 1948 wurde der Schulbetrieb dort wieder aufgenommen. Seit den späten Fünfzigerjahren gedachten ehemalige Häftlinge des KZs Neuengamme regelmäßig am Schulgebäude der Geschehnisse. Nach jahrelangen Forderungen ließ der Hamburger Senat 1963 dort eine Gedenktafel für die ermordeten Kinder und ihre vier Betreuer anbringen, jedoch ohne die ebenfalls hingerichteten sowjetischen Gefangenen zu erwähnen. 1977 wurde der Journalist Günther Schwarberg (1926-2008), der nach Zeiten beim Bremer Weserkurier, bei Radio Bremen und bei einer Düsseldorfer Agentur beim Hamburger Wochenmagazin Stern arbeitete und sich in seinen Beiträgen auf die Opfer des Nationalsozialismus und den Widerstand konzentrierte, auf das Geschehen am Bullenhuser Damm aufmerksam.[40] Nach der Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung im Keller der Schule begann er seine Suche nach Spuren der ermordeten Kinder. Er fand in Frankfurt am Main im Archiv der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Fotos aller zwanzig Kinder, die ein SS-Fotograf für Heißmeyer angefertigt hatte. Mit diesen Bildern ließ er Suchplakate in polnischer, italienischer, serbokroatischer und deutscher sowie in französischer, holländischer und englischer Sprache drucken und verschickte sie in verschiedene Länder um Angehörige zu finden.[41]

Als erste meldete sich eine Beamtin der Staatsanwaltschaft in Tel Aviv, die auf einem der Fotos ihre Cousine Riwka Herszberg aus dem polnischen Zduńska Wola erkannt hatte. Ein Rechercheur, so Schwarberg,[42] fand in Paris die Familien Kohn und Morgenstern. Bei einem Treffen im Pariser Büro des Rechtsanwalts Serge Klarsfeld erkannte der Geschäftsmann Philippe Kohn auf einem Bild seinen Bruder Georges. Dorothéa Morgenstern fand auf den Fotos ihre Nichte Jacqueline wieder.[43] In den Niederlanden wurden Angehörige der ermordeten Krankenpfleger Hölzel und Deutekom gefunden. Vom März 1979 an veröffentlichte Schwarberg in der Zeitschrift Stern unter dem Obertitel „Der SS-Arzt und die Kinder“ in einer sechsteiligen Serie die gesamten Geschehnisse von der Deportation der Familie Kohn aus Paris im August 1944 bis zum Prozess gegen Heißmeyer und zu den vergeblichen Anklagen gegen Strippel. Neben seinen eigenen Nachforschungen konnte Schwarberg auf die von Dr. Henry Meyer in Dänemark veröffentlichte Liste, auf eine 1978 von dem ehemaligen Häftling des KZs Neuengamme, Fritz Bringmann, verfasste Broschüre mit dem Titel „Kindermord am Bullenhuser Damm“ und auf die Dokumente und Ergebnisse des Prozesses gegen Heißmeyer in der DDR zurückgreifen. Die Serie endete mit einem Bericht über seinen jüngsten Kontakt mit dem 16jährigen in Hamburg wohnenden Michael Zylberberg, dessen Eltern auf den im Stern veröffentlichten Fotos der Kinder ihre aus Zawichost in Polen stammende Nichte Ruchla erkannt hatten.[44]

Am 20. April 1979 kamen über zweitausend Menschen zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 34. Todestags der Opfer vom Bullenhuser Damm zusammen. Aus Paris trafen Philippe Kohn und der Sohn von Dorothéa, Henri Morgenstern, aus Hamburg die Familie Zylberberg, aus den Niederlanden die Witwe von Anton Hölzel ein. Sie gründeten zusammen mit ehemaligen Häftlingen des KZs Neuengamme sowie Hamburgerinnen und Hamburgern die bis heute bestehende Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V. und beantragten das erneute Ermittlungsverfahren gegen Strippel. 1980 eröffnete der Verein in den Kellerräumen der Schule mit einer ersten kleinen Ausstellung eine Gedenkstätte. Im April desselben Jahres wurde die Schule vom Hamburgischen Senat in einer Feierstunde nach dem polnischen Arzt und Pädagogen Janusz Korczak, der 1942 die von ihm betreuten jüdischen Kinder eines Waisenhauses freiwillig in das Konzentrationslager Treblinka begleitet hatte und mit ihnen in den Tod gegangen war, in Janusz-Korczak-Schule umbenannt (Abb. 37-39).[45]

 

[40] Schwarberg: Kinder 1996 (siehe Literatur), Seite 135 f., nennt als seine ersten Quellen das Buch von Edward Lord Russell of Liverpool, eines nach 1945 für die Militärgerichte der britischen Armee verantwortlichen Brigadiers: Geißel der Menschheit. Kurze Geschichte der Nazikriegsverbrechen, Berlin 1960, sowie das im selben Jahr erschienene Buch des DDR-Schriftstellers Willi Bredel: Unter Türmen und Masten. Geschichte einer Stadt in Geschichte, Schwerin 1960

[41] Reproduktion des Plakats im Dossier „Günther Schwarbergs Spurensuche“, http://media.offenes-archiv.de/10mal_gruen_Plakat_28.03.11_klein.pdf

[42] Schwarberg: Kinder 1996 (siehe Literatur), Seite 137

[43] Zu den Familien der ermordeten Kinder vergleiche: http://www.kinder-vom-bullenhuser-damm.de/die_angehoerigen.php

[44] Reproduktionen der Stern-Artikel vom Günther Schwarberg im Dossier „Stern“-Serie: „Der SS-Arzt und die Kinder“, auf: http://media.offenes-archiv.de/04_gruen_SternSerie_31.03.11_klein.pdf

[45] Am Gedenktag: „Der muss viel durchlitten haben“. Janusz Korczak gab der Schule seinen Namen, in: Hamburger Abendblatt vom 21. April 1980, Kopie im Dossier Dokumente und Fotos, auf: http://media.offenes-archiv.de/05_gruen_DokumenteFotos_30.06.11_nachkorrektur.pdf

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  • Abb. 1: Sergio De Simone

    Sergio De Simone aus Neapel, um 1943. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14142831
  • Abb. 2: Alexander Hornemann

    Alexander Hornemann aus Eindhoven, um 1942. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14262100
  • Abb. 3: Eduard Hornemann

    Eduard Hornemann aus Eindhoven, um 1942. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14262099
  • Abb. 4: Marek und Adam James

    Marek James aus Radom mit seinem Vater Adam, um 1943. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14265681
  • Abb. 5: Walter Jungleib

    Walter Jungleib aus Holohovec, um 1942
  • Abb. 6: Georges André Kohn

    Georges André Kohn aus Paris, um 1944
  • Abb. 7: Jacqueline Morgenstern

    Jacqueline Morgenstern aus Paris bei ihrer Erstkommunion, 1944
  • Abb. 8: Die Angeklagten, 1946

    Die Angeklagten im Neuengamme-Hauptprozess im Hamburger Curiohaus, 1946
  • Abb. 9: Eingang zum Rosengarten

    Eingang zum Rosengarten, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Juni 2022
  • Abb. 10: Denkmal für die ermordeten sowjetischen Häftlinge, 1985

    Anatoli Mossitschuk: Denkmal für die ermordeten sowjetischen Häftlinge, 1985. Am Eingang zum Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, 2022
  • Abb. 11: Rosengarten

    Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg. Blick auf den Zaun mit den Gedenktafeln für die ermordeten Kinder, die Ärzte und die Pfleger. Foto: Juni 2022
  • Abb. 12: Gedenktafel

    Gedenktafel und Zaun mit den Granittafeln für die ermordeten Kinder. Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg. Foto: Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto:...
  • Abb. 13: Gedenktafel für Surcis Goldinger

    Gedenktafel für Surcis Goldinger aus Ostrowiec Świętokrzyski, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 14: Gedenktafel für Lea Klygerman

    Gedenktafel für Lea Klygerman aus Ostrowiec Świętokrzyski, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 15: Gedenktafel für H. Wasserman

    Gedenktafel für das Mädchen H. Wasserman aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 16: Gedenktafel für Marek James

    Gedenktafel für Marek James aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 17: Gedenktafel für Roman und Eleonora Witoński

    Gedenktafel für Eleonora und Roman Witoński aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 18: Gedenktafel für R. Zeller

    Gedenktafel für den Jungen R. Zeller aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 19: Gedenktafel für Eduard und Alexander Hornemann

    Gedenktafel für Eduard und Alexander Hornemann aus Eindhoven, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 20: Gedenktafel für Riwka Herszberg

    Gedenktafel für Riwka Herszberg aus Zduńska Wola, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 21: Gedenktafel für Georges André Kohn

    Gedenktafel für Georges André Kohn aus Paris, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 22: Gedenktafel für Jacqueline Morgenstern

    Gedenktafel für Jacqueline Morgenstern aus Paris, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 23: Gedenktafel für Ruchla Zylberberg

    Gedenktafel für Ruchla Zylberberg aus Zawichost, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 24: Gedenktafel für Eduard Reichenbaum

    Gedenktafel für Eduard Reichenbaum aus Kattowitz, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 25: Gedenktafel für Mania Altman

    Gedenktafel für Mania Altman aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 26: Gedenktafel für Sergio De Simone

    Gedenktafel für Sergio De Simone aus Neapel, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 27: Gedenktafel für Lelka Birnbaum

    Gedenktafel für Lelka Birnbaum aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 28: Gedenktafel für Walter Jungleib

    Gedenktafel für Walter Jungleib aus Hlohovec, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 29: Gedenktafel für Bluma Mekler

    Gedenktafel für Bluma Mekler aus Sandomierz, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 30: Gedenktafel für Marek Steinbaum

    Gedenktafel für Marek Steinbaum aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 31: Gedenktafel für den Arzt Gabriel Florence

    Gedenktafel für den Arzt Professor Gabriel Florence aus Lyon, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 32: Gedenktafel für den Arzt René Quenouille

    Gedenktafel für den Arzt René Quenouille aus Villeneuve-Saint-Georges, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 33: Gedenktafel für den Pfleger Dirk Deutekom

    Gedenktafel für den Pfleger Dirk Deutekom aus Amsterdam, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 34: Gedenktafel für den Pfleger Anton Hölzel

    Gedenktafel für den Pfleger Anton Hölzel aus Deventer, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 35: Gemälde von Jürgen Waller, 1987

    Jürgen Waller: 21. April 1945, 5 Uhr morgens, 1987. Öl auf Leinwand, Montagen, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg
  • Abb. 36: Gedenkstele von Leon Mogilevski, 2000

    Leonid Mogilevski: Gedenkstele für die Kinder vom Bullenhuser Damm, 2000. Roman-Zeller-Platz, Hamburg
  • Abb. 37: Ehemalige Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Ehemalige Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm 92, Hamburg-Rothenburgsort, Foto: Juni 2022
  • Abb. 38: Denkmaltafeln für die ehem. Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Denkmaltafeln für die Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 39: Denkmaltafel der ehem. Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Denkmaltafel der Freien und Hansestadt Hamburg für die ehemalige Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm 92, Hamburg-Rothenburgsort, Foto: Juni 2022
  • Abb. 40: Ausstellungsraum 1

    Ausstellungsraum 1 mit symbolischen Koffern für die Biografien der Kinder, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 41: Ausstellungsraum 1

    Ausstellungsraum 1 mit symbolischen Koffern für die Biografien der Kinder, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 42: Koffer für Riwka Herszberg

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Riwka Herszberg aus Zduńska Wola, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 43: Koffer für Ruchla Zylberberg

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Ruchla Zylberberg aus Zawichost, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 44: Koffer für Mania Altman

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Mania Altman aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 45: Koffer für Eleonora Witońska

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Eleonora Witońska aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 46: Koffer für Roman Witoński

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Roman Witoński aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 47: Koffer für Professor Gabriel Florence

    Koffer für den Arzt Professor Gabriel Florence aus Lyon, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 48: Ausstellungsraum 2

    Ausstellungsraum 2 mit vertiefenden Materialien zu den Biografien der Kinder und allen Aspekten des Tatgeschehens, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 49: Tatraum

    Tatraum mit einem Verschlag, in dem Leichen der Kinder lagen, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 50: Gedenkraum für die Opfer

    Gedenkraum für die ermordeten Opfer vom Bullenhuser Damm, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022