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Daniel Libeskind. Ein Virtuose der Architektur

Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
Das Füllen der Leere

Das Leben des Architekturwissenschaftlers nimmt im Sommer 1989 eine neue Wendung, als Libeskind mit seinem Entwurf „Between the Lines“ (Zwischen den Linien) den internationalen Wettbewerb für den Bau des Jüdischen Museums in Berlin gewinnt. Der 52-jährige Architekt überzeugt die Jury mit seinem mutigen, mehrdeutigen Konzept, das die deutsch-jüdische Geschichte in der räumlichen Anordnung erzählt. „Der offizielle Name des Projekts lautet ‚Jüdisches Museum‘, aber ich habe es ‚Between the Lines‘ genannt, weil es sich für mich dabei um zwei Linien, zwei Strömungen des Denkens, der Organisation und Beziehung handelt.“[3] – erklärt der Autor des Entwurfs. Die zwei Linien sind bereits im Grundriss des Objekts erkennbar: zum einen als Zick-Zack-Linie des Gebäudes, zum anderen als unsichtbare gerade Linie. Dort, wo sich die Linien kreuzen, entstanden die sogenannten „Voids“ – Leerräume, die sich vom Untergeschoss bis zum Dach erstrecken. „Das englische Wort Void ist in der Architektur normalerweise ein technischer Fachbegriff dafür, dass es darüber oder darunter nichts gibt. Die Leere auf Deutsch. Ich wollte keinen Raum schaffen im Sinne dieses Fachbegriffs für Unbekanntes, sondern einen Raum der Begegnung, der Abwesenheit, der allerdings ein realer, physischer Raum ist“, sagt Libeskind.[4] Auf diese Art und Weise hat der Architekt die Leere materialisiert, die durch die Zerstörung und die Vernichtung jüdischen Lebens entstand, allerdings wieder gefüllt werden kann. Das Gebäude, das Libeskind mit einem barocken Bauwerk verband, in dem sich der Haupteingang zum Museum befindet, ist voller Symbolik. Neben den beiden genannten Linien gibt es noch drei Achsen, die sich im Untergeschoss kreuzen und symbolisch für die Ereignisse und Prozesse stehen, die jüdische Lebensgeschichten in Deutschland dominierten: die Achse des Exils, die Achse des Holocaust und die Achse der Kontinuität.

Nach der erfolgreichen Teilnahme an diesem Architektur-Wettbewerb zog Daniel Libeskind mit seiner Ehefrau Nina und den Kindern nach West-Berlin, um dort das Architekturbüro „Studio Daniel Libeskind“ zu gründen. Der Bau des Jüdischen Museums, der schon vor dem Mauerfall beschlossen wurde, erwies sich jedoch als äußerst zeitaufwendig. Außerdem wurde die Realisierung mehrfach in Frage gestellt. Der politische Umbruch führte dazu, dass sich die Prioritäten änderten und die Finanzierung umgeschichtet wurde, die nun für dringlichere Bedürfnisse eingesetzt werden sollte, die der Wiedervereinigung geschuldet waren. Aus diesen Gründen haben mehrere, aufeinander folgende Regierungen in Berlin und im Bund die Investition hinausgezögert oder die Mittel gekürzt. Der Grundstein des Museums wurde erst 1992 gelegt und der Bau Ende 1998 beendet. Ein paar Monate später fand die feierliche Eröffnung des Museums statt. Daniel Libeskind erinnert sich an diesen Moment in seiner Autobiografie wie folgt: „1999 öffnete das Jüdische Museum seine Pforten – ohne jedes Ausstellungsstück. Das leere Museum war ein perfekter Ort für eine Feier, an der die höchsten deutschen Politiker teilnahmen, darunter auch Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach dem Dinner kam Schröder an den Tisch, an dem mein Vater saß. Damit der neunzigjährige Nachman nicht aufstehen musste, kniete Schröder vor ihm nieder, nahm seine Hand und sagte: »Mr. Libeskind, Sie müssen sehr stolz sein. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.« Welch ein Moment für Nachman – und für mich! In den Jahren meiner polnischen Kindheit hätte ich mir nie träumen lassen, dass eines Tages der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der Sohn eines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Wehrmachtsoldaten, vor meinem Vater knien und ihm dafür danken würde, dass er nach Deutschland gekommen war.[5]

Das Jüdische Museum in Berlin blieb noch lange Zeit leer. Trotzdem besuchten allein im ersten Jahr nach der Eröffnung 350.000 Menschen das noch gar nicht eingerichtete Gebäude. Erst am 9. September 2001 konnte die von langer Hand vorbereitete Ausstellung einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

 

[3] Zitat von der Internetseite des Jüdischen Museums Berlin: https://www.jmberlin.de/libeskind-bau

[4] Ebenda.

[5] Daniel Libeskind mit Sarah Crichton, Breaking Ground. Entwürfe meines Lebens, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, Seite 170.

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  • Abb. 1: Wohnhaus in Covington, USA

    Wohnhaus in Covington, USA.
  • Abb. 2: Jüdisches Museum in San Francisco

    Jüdisches Museum in San Francisco.
  • Abb. 3: Jüdisches Museum in San Francisco

    Jüdisches Museum in San Francisco.
  • Abb. 4: Jüdisches Museum in San Francisco

    Jüdisches Museum in San Francisco.
  • Abb. 5: Denver Art Museum, USA

    Denver Art Museum, USA.
  • Abb. 6: Denver Art Museum, USA

    Denver Art Museum, USA. 
  • Abb. 7: Denver Art Museum, USA

    Denver Art Museum, USA. 
  • Abb. 8: Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen

    Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen. 
  • Abb. 9: Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen

    Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen. 
  • Abb. 10: Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen

    Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen. 
  • Abb. 11: Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 12. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 13. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 14. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 15. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 16: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 17: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 18: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 19: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 20: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 21: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England
  • Abb. 22: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 23: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 24: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 25: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 26: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 27: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 28: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 29: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 30: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 31: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 32: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 33: London Metropolitan University. Graduate Center

    London Metropolitan University. Graduate Center.
  • Abb. 34: London Metropolitan University. Graduate Center

    London Metropolitan University. Graduate Center.
  • Abb. 35: London Metropolitan University. Graduate Center

    London Metropolitan University. Graduate Center.
  • Abb. 36: Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001, Padua, Italien

    Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, Padua, Italien.
  • Abb. 37: Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001, Padua, Italien

    Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, Padua, Italien.
  • Abb. 38: Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001, Padua, Italien

    Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, Padua, Italien.
  • Abb. 39: The Whole Center, Ramat-Gan, Israel

    The Whole Center, Ramat-Gan, Israel. 
  • Abb. 40: The Whole Center, Ramat-Gan, Israel

    The Whole Center, Ramat-Gan, Israel. 
  • Abb. 41: The Whole Center, Ramat-Gan, Israel

    The Whole Center, Ramat-Gan, Israel. 
  • Abb. 42: Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011

    Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
  • Abb. 43: Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011

    Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
  • Abb. 44: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden

    Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden.
  • Abb. 45: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden

    Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden.
  • Abb. 46: Aussichtsplattform des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden

    Aussichtsplattform des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden.
  • Abb. 47: Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz

    Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz.
  • Abb. 48: Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz

    Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz.
  • Abb. 49: Jüdisches Museum Berlin.

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 50: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 51: Warschau, Wohnhaus Złota 44 (rechts)

    Warschau, Wohnhaus Złota 44 (rechts).
  • Abb. 52: Royal Ontario Museum, Kanada

    Royal Ontario Museum, Kanada.
  • Abb. 53: Royal Ontario Museum, Kanada

    Royal Ontario Museum, Kanada.
  • Abb. 54: Wohnanlage in Mailand

    Wohnanlage in Mailand.
  • 55. Budynki tzw. Kö-Bogen w Düsseldorfie

    Budynki tzw. Kö-Bogen w Düsseldorfie
  • 56. Tarasy Kö-Bogen w Düsseldorfie.

    Tarasy Kö-Bogen w Düsseldorfie.
  • 57. Budynek Uniwersytetu Durham, Anglia.

    Budynek Uniwersytetu Durham, Anglia.
  • 58. "Wing" - rzeźba Daniela Libeskinda przed wejściem do budynku firmy Siemens, Berlin.

    "Wing" - rzeźba Daniela Libeskinda przed wejściem do budynku firmy Siemens, Berlin.
  • 59. "Wing" - rzeźba Daniela Libesknda przed wejściem do budynku firmy Siemens.

    "Wing" - rzeźba Daniela Libesknda przed wejściem do budynku firmy Siemens.