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Waren sie wirklich "Rebellen"? Zur Münchner Ausstellung "Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900"

Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917-23. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Inv. Nr. MP 387 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917-23. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Inv. Nr. MP 387 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie

In München hatte sich schon seit 1828, vor allem aber nach der Unterdrückung der polnischen Aufstände von 1830/31 und 1863/64, eine über die Jahrzehnte bis zu siebenhundert Mitglieder zählende polnische „Schule“ gebildet, deren Angehörige in ganz unterschiedlichen Stilen arbeiteten und natürlich von der lokalen Kunst beeinflusst wurden.[33] So schuf Józef Chełmoński 1875 vermutlich nach dem Vorbild von Lenbachs „Hirtenknaben“ (1860) in der Sammlung des Grafen Schack sein vom Münchner Realismus beeinflusstes Gemälde „Altweibersommer“ (Abb. 7). Er wechselte noch im selben Jahr nach Paris. Ebenfalls in der Sammlung Schack wurde Adam Chmielowski durch Bilder von Arnold Böcklin inspiriert und schuf nach ihrem Vorbild italienische Stimmungslandschaften. Aus derselben Quelle wurde auch Władysław Czachórski zu seinem „Friedhof in Venedig“ (1876) angeregt. Deutlich vom Symbolismus beeinflusst malte Witold Pruszkowski zum katholischen Feiertag „Allerseelen“ (1888) ein zu Tode erschrecktes Mädchen, das auf dem Friedhof vor einem Öllämpchen kauert. Auf den Münchner Nachtansichten von Aleksander Gierymski, der sich vor und nach Zwischenstationen in Paris, wo er impressionistische Stadtveduten schuf, mehrmals und über mehrere Jahre in der bayerischen Hauptstadt aufhielt, wurde die klassische Münchner Architektur „zur Bühne für ein Spiel aus Licht und Schatten“[34] (Abb. 8).

Nach einer Ausbildung in Warschau und an der Akademie in St. Petersburg gingen Józef Pankiewicz und Władysław Podkowiński 1889/90 nach Paris. Unter dem Einfluss von Claude Monet malte Pankiewicz dort in divisionistischer Technik („Heuwagen“, 1890, Abb. 9), orientierte sich mit der Vereinfachung der Formen und des Bildraums an Paul Cézanne und steigerte die Farbautonomie nach dem Vorbild seines Freundes Pierre Bonnard und der Nabis. Podkowiński malte Landschaften in schillernden, ineinander verlaufenden Farben und Formen (Abb. 6, Mitte rechts). Pankiewicz, der ab 1906 an der Krakauer Kunstakademie lehrte und seinen ausgefeilten Kolorismus an die Schülergeneration weitergab, schuf auch Gemälde in der Art des Japonismus („Japanerin“, 1908, Abb. 10), ein Stil, den auch Boznańska und Leon Wyczółkowski zeitweise in Interieurs, Bildnissen und Stillleben pflegten. Wyczółkowski, der in Warschau, München und Krakau studierte und Paris mehrfach anlässlich der Weltausstellungen besuchte, übertrug die Naturerfahrungen der Schule von Barbizon und der französischen Impressionisten auf Genre- und Landschaftsmotive aus der Ukraine („Fischer“, 1891, Abb. 6 Mitte). An der Petersburger Akademie studierten unter anderem Kazimierz Stabrowski, Ruszczyc und Krzyżanowski.

Das dritte Kapitel, „Landschaften der Trauer und der Hoffnung“ (Abb. 11), ist im Sinne der Ausstellung als polnischer Sonderweg zum europäischen Symbolismus zu verstehen, welcher die künstlerische Interpretation der Landschaft sonst kaum berücksichtigt. Im geteilten und unter Fremdherrschaft stehenden Polen kam der Landschaftsmalerei, so Urszula Kozakowska-Zaucha, eine „wichtige gesellschaftliche Aufgabe im Überlebenskampf der Nation zu“. Sie sollte, „indem sie die Schönheit der polnischen Landschaft hervorhob, für den Verlust der Heimat entschädigen“. Um 1900 seien die unspektakulären Ansichten der Romantik und des Biedermeiers „symbolischen Landschaftsvisionen“ gewichen, „die nicht nur als Metapher für eine verlorene Heimat, sondern auch als malerische Reflexionen über die Welt, ihre Ordnung oder menschliche Schicksale gedeutet wurden“.[35] Als Ausdruck psychischer Befindlichkeiten und Gemütszustände dienten einzelne Motive wie windgepeitsche Bäume, ziehende Wolken, reißende Gewässer und blühende oder verdorrte Wiesen. In den Gemälden von Jan Stanisławski (Abb. 12), der zwischen 1896 und 1907 die Landschaftsklasse an der Krakauer Akademie leitete, verstärkten die Leere des Landschaftsraums und eine besondere Position der Horizontlinie Gefühle von Einsamkeit und Angst.

 

[33] Vergleiche auf diesem Portal die Beiträge „Polnische Künstler in München 1828-1914“, https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/polnische-kuenstler-muenchen-1828-1914, „Ateliers polnischer Maler in München um 1890“, https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/ateliers-polnischer-maler-muenchen-um-1890, sowie die Liste von Einzelbiografien der „Münchner Schule 1828-1914“, https://www.porta-polonica.de/de/lexikon/muenchner-schule-1828-1914 mit den zugehörigen Lebensläufen in der Encyclopaedia Polonica.

[34] Bagińska 2022 (siehe Anmerkung 32), Seite 51

[35] Urszula Kozakowska-Zaucha: Landschaften der Trauer und der Hoffnung. Naturdarstellungen in der Malerei des Jungen Polen, in: Ausstellungs-Katalog Stille Rebellen 2022, Seite 77

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  • Abb. 1: Das Aufhängen der Sigismund-Glocke, 1874

    Jan Matejko: Das Aufhängen der Sigismund-Glocke im Domturm zu Krakau im Jahr 1521, 1874. Öl auf Karton, 94 x 189 cm, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 2: Stańczyk, 1862

    Jan Matejko: Stańczyk, 1862. Öl auf Leinwand, 88 x 120 cm, Nationalmuseum Warschau/ Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 3: Ohne Land, 1888

    Wojciech Gerson: Ohne Land. Pomoranen, von den Deutschen auf die baltischen Inseln vertrieben, 1888. Öl auf Leinwand, 114,8 x 207 cm, Nationalmuseum Stettin/Muzeum Narodowe w Szczecinie
  • Abb. 4: Raum 2. Die Kunstzentren Krakau und Warschau

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 2. Von links: J. Malczewski, „Die Inspiration des Malers“, 1897; „Teufelskreis“, 1895/97; „Der Traum des Malers“, um 1888; J. Matejko: „Der blinde Veit Stoß“, 1865;...
  • Abb. 5: Teufelskreis, 1895-97

    Jacek Malczewski: Teufelskreis, 1895-97. Öl auf Leinwand, 174 x 240 cm, Raczyński-Stiftung, Nationalmuseum Poznań/Fundacja im. Raczyńskich przy Muzeum Narodowym w Poznaniu
  • Abb. 6: Raum 3. Im Dialog mit der europäischen Kunst

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 3. Von links: A. Gierymski, „Die Ludwigsbrücke“, 1896/97; W. Czachórski, „Friedhof in Venedig“, 1876; W. Pruszkowski, „Allerseelen“, 1888; J. Pankiewicz, „Heuwagen“...
  • Abb. 7: Altweibersommer, 1875

    Józef Chełmoński: Altweibersommer, 1875. Öl auf Leinwand, 119,5 x 156 cm, Inv. Nr. MP 423 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 8: Die Ludwigsbrücke in München, 1896/97

    Aleksander Gierymski: Die Ludwigsbrücke in München, 1896/97. Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm, Inv. Nr. MP 4758 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 9: Heuwagen, 1890

    Józef Pankiewicz: Heuwagen, 1890. Öl auf Leinwand, 50,5 x 69,2 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 10: Japanerin, 1908

    Józef Pankiewicz: Japanerin, 1908. Öl auf Leinwand, 200 x 94 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 11: Raum 4. Polnische Landschaften

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 4. Von links: F. Ruszczyc: „Wolke“, 1902; „Wintermärchen“, 1904; „Alte Apfelbäume“, 1900; K. Krzyżanowski: „Verkiai bei Vilnius“, 1907; fünf Landschaftsskizzen; K. ...
  • Abb. 12: Pappeln am Wasser, 1900

    Jan Stanisławski: Pappeln am Wasser, 1900. Öl auf Leinwand, 145,5 x 80,5 cm, Inv Nr. MNK II-b-550, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 13: Wolke, 1902

    Ferdynand Ruszczyc: Die Wolke, 1902. Öl auf Leinwand, 103,5 x 78 cm, Nationalmuseum Poznań/Muzeum Narodowe w Poznaniu
  • Abb. 14: Raum 5. Frühlingserwachen

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 5. Von links: J. Malczewski: „Frühling“, 1898; W. Hofman: „Frühling“, 1918; „Krippenspiel“, 1918; K. Sichulski: Triptychon „Frühling“, 1909
  • Abb. 15: Frühling, 1898

    Wojciech Weiss: Frühling, 1898. Öl auf Leinwand, 96,5 x 65,5 cm, Inv. Nr. MP 3879 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 16: Meine Modelle, 1897

    Jacek Malczewski: Meine Modelle, 1897. Öl auf Leinwand, 63 x 36 cm, Inv. Nr. MNK II-b-159, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 17: Der Tod, 1902

    Jacek Malczewski: Der Tod, 1902. Öl auf Leinwand, 98 x 75 cm, Inv. Nr. MP 373 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 18: In der Staubwolke, 1893-95

    Jacek Malczewski: In der Staubwolke, 1893-95. Öl auf Leinwand, 78 x 150 cm, Raczyński-Stiftung, Nationalmuseum Poznań/Fundacja im. Raczyńskich przy Muzeum Narodowym w Poznaniu
  • Abb. 19: Derwid, 1902

    Jacek Malczewski: Derwid, 1902. Öl auf Karton, 53 x 45 cm, Inv. Nr. MNK II-b-900, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 20: Der Bauernsarg, 1894

    Aleksander Gierymski: Der Bauernsarg, 1894. Öl auf Leinwand, 141 x 195 cm, Inv. Nr. MP 964 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 21: Musikanten in Bronowice, 1891

    Włodzimierz Tetmajer: Musikanten in Bronowice. Vor dem Gasthaus, 1891. Öl auf Leinwand, 106 x 182 cm, Inv. Nr. MP 5500 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 22: Kołomyjka, 1895

    Teodor Axentowicz: Kołomyjka, 1895. Öl auf Leinwand, 85 x 112,5 cm, Inv. Nr. MP 359 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 23: Raum 7. Tradition und Religion

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 7. Von links: W. Jarocki: „Huzulen in den Karpaten“, 1910; „Helenka aus Poronin“, 1913; W. Tetmajer: „Musikanten in Bronowice“, 1891; T. Axentowicz: „Kołomyjka“, 18...
  • Abb. 24: Raum 8. Porträts

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 8. Von links: E. Okuń: „Selbstbildnis in spanischer Tracht“, 1911; J. Fałat: „Selbstbildnis“, 1896; J. Malczewski: „Auf einer Saite. Selbstbildnis“, 1908; J. Malcze...
  • Abb. 25: Auf einer Saite, 1908

    Jacek Malczewski: Auf einer Saite. Selbstbildnis, 1908. Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm, Inv. Nr. MP 1276 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 26: Selbstbildnis mit Masken, 1900

    Wojciech Weiss: Selbstbildnis mit Masken, 1900. Öl auf Leinwand, 90 x 72 cm, Inv Nr. MNK II-b-877, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 27: Bildnis der Ehefrau des Künstlers vor Pegasus, 1913

    Józef Mehoffer: Bildnis der Ehefrau des Künstlers vor Pegasus, 1913. Öl auf Leinwand, 95 x 78 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 28: Damenbildnis, 1891

    Olga Boznańska: Damenbildnis, 1891. Öl auf Leinwand, 122 x 80 cm, Inv. Nr. MP531 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 29: Melancholiker, 1898

    Wojciech Weiss: Melancholiker (Totenmesse), 1898. Öl auf Leinwand, 128 x 65,5 cm, Inv. Nr, MNK II-b-2158, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 30: Besessenheit, 1899/1900

    Wojciech Weiss: Besessenheit, 1899/1900. Öl auf Leinwand, 101 x 186 cm, Literaturmuseum Warschau/Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza w Warszawie, Dauerleihgabe im Nationalmuseum Warschau/Muzeum Na...
  • Abb. 31: Wahn, 1893

    Władysław Podkowiński: Wahn, Skizze, 1893. Öl auf Leinwand, 56 x 46 cm, Inv. Nr. MP 338 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 32: Trauermarsch, 1894

    Władysław Podkowiński: Trauermarsch, 1894. Öl auf Leinwand, 83,5 x 119,5 cm, Inv. Nr. MNK II-b-154, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 33: Die Unzüchtige

    Witold Wojtkiewicz: Die Unzüchtige (Gefallene Frau), 1904. Aus dem Zyklus „Tragikomische Skizzen“, Tusche, Gouache, Buntstift auf Papier, 47,5 x 38,7 cm, Inv. Nr. MNK III-r.a-11688, Nationalmuseum Kra...
  • Abb. 34: Zirkus I, 1907

    Witold Wojtkiewicz: Zirkus I, 1907. Öl auf Leinwand, 59,5 x 71,5 cm, Schlesisches Museum, Kattowitz/Muzeum Śląskie w Katowicach
  • Abb. 35: Pflügen, 1905

    Witold Wojtkiewicz: Pflügen, 1905. Öl auf Leinwand, 57,7 x 96 cm, Inv. Nr. MP 5157 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 36: Die Inspiration des Malers, 1897

    Jacek Malczewski: Die Inspiration des Malers, 1897. Öl auf Leinwand, 79 x 64 cm, MNK II-b-2543, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 37: Raum 11. Polonia

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 11. Von links: J. Malczewski: „Polnischer Hamlet“ (1903); „Pythia“, 1917; „Junges Polen“, 1917; L. Wyczółkowski: „Ritter inmitten von Blumen“, 1904; J. Malczewski: ...
  • Abb. 38: Nec mergitur, 1904/05

    Ferdynand Ruszczyc: Nec mergitur, 1904/05. Öl auf Leinwand, 219 x 203 cm, Litauisches nationales Kunstmuseum/Lietuvos nacionalinis dailės muziejus, Vilnius
  • Abb. 39: Ritter inmitten von Blumen, 1904

    Leon Wyczółkowski: Ritter inmitten von Blumen, 1904. Pastellkreide auf Papier, 176 x 300 cm, Société Historique et Littéraire Polonaise / Bibliothèque Polonaise de Paris
  • Abb. 40: Pythia, 1917

    Jacek Malczewski: Pythia, 1917. Öl auf Leinwand, 210 x 110 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie